„Was wünschst du dir gerade?“

Ich bin traurig. Während ich an diesem gottverlassenen Bahnhof stehe und feststelle, dass es zwei Stunden dauern wird, bis ich endlich zu Hause bin, kämpfe ich mit den Tränen und weiss nicht mal genau, warum. Es war eine anstrengende Arbeitswoche, und das, obwohl heute erst Mittwoch ist. Ich habe gestern bis um 18:30 gearbeitet und heute auch. Heute „durfte“ ich mal wieder mit dem Therapeuten-Team zu der Supervisorin des Grauens, irgendwo in den Tiefen des Kantons Zürich, was dazu führt, dass ich jetzt an diesem verfickten Bahnhof stehe. Ich stehe also so rum und bemitleide mich in aller Form, während ich versuche, deutlich geprägt von der Supervisorin des Grauens, ihres Zeichens „LOA-Koryphäe“, enorm lösungsorientiert an etwas Schönes zu denken. Was wünsche ich mir? Wie müsste sich meine Welt verändern, dass ich jetzt gerade glücklich sein könnte?

Ich drifte gedanklich ab und bastle mir meine Wunsch-Welt. Ich sehe mich in einem kleinen Garten vor einem kleinen, alten Haus. Ich werkle an den Sträuchern umher und begutachte Krokusse, Narzissen und die ersten Blätter der Tulpen. Ich setze mich auf die kleine, wacklige Holzbank, die an der Hausmauer steht und blinzle den letzten Sonnentrahlen zu. Ich beobachte die Meisen, die aufgeregt auf den Zweigen eines Apfelbaums herumflattern. Während ich da sitze, fühle ich die Müdigkeit in meinen Gleidern. Körperliche Müdigkeit, die Folge der Gartenarbeit. Als es dunkel und kalt wird, stehe ich auf und gehe ins Haus. Mein Freund kommt aus dem Arbeitszimmer. Er sieht müde aus, aber er lächelt. Um seine Augen bilden sich kleine Fältchen. Er erzählt mir irgendwas über Autos, nach dem zweiten Satz komme ich inhaltlich nicht mehr mit, aber ich lächle ebenfalls. Er wirkt glücklich und zufrieden, als er wieder ins Arbeitszimmer verschwindet. Ich gehe in die Küche und fange an, Äpfel für eine Wähe zu schälen. Als ich den Kuchen in den Ofen geschoben habe, kommt mein Freund und deckt den Tisch. Er erzählt mir von einem Zeitungsartikel, den er gelesen hat, irgendwas zum Thema Bildungspolitik und fragt, wie ich das sehe. Ich setze zu einer enorm ausführlichen Abhandlung an, in die ich sowohl theoretische Erkenntnisse aus der Forschung wie auch praktische Beispiele aus meinem Berufsalltag einflechte. Während ich mit erhobenem Zeigefinger so vor mich hin doziere, sehe ich plötzlich meinen Freund an. Er sitzt am Tisch und lächelt mich stumm an. In seinen Augen blitzt sanfte Belustigung. Ich unterbreche mein Referat und frage „das wolltest du alles gar nicht wissen, oder?“ Er lacht und sagt „doch, und ich bin sicher, du hast absolut recht.“

Eine halbe Stunde ist vergangen, und ich sitze im Zug nach Hause. Ich bin nicht mehr traurig, sondern eher etwas sehnsüchtig. Ich sehne mich in diese perfekte kleine Welt, die ich mir da gedanklich zurechtgebastelt habe. Ein bisschen davon ist meiner Realität entnommen, ein grösseres bisschen meinen Wünschen. Irgendwann möchte ich so leben. Irgendwann, hoffe ich, wird mein Freund sein berufliches Glück finden, seinen Traum einer eigenen Firma realisieren können. Irgendwann werden wir uns ein kleines, altes Haus mit einem Garten kaufen können. Er wird weiterhin über Autos reden und ich über Sozialpädagogik, und wir werden uns weiterhin über die Begeisterung des anderen für sein Fachgebiet freuen. Irgendwann.

2 Gedanken zu “„Was wünschst du dir gerade?“

    • Manchmal tut es gut, zu träumen. Meine Sehnsüchte sind durch und durch spiessig und langweilig. Dass das mal mein Lebenstraum wird, hätte ich mir mit Anfang 20 nicht träumen lassen. Aber jetzt klingt das für mich schön und erstrebenswert. Ein ruhiges Leben, ein Garten, ein Häuschen, vielleicht irgendwann ein Buch schreiben, einen erfüllenden Job, einen glücklichen Freund. That’s it.

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