Depression ist ein Arschloch.

Ich kann nicht mehr sagen, wann mir bewusst wurde, dass mein Freund depressiv ist. Aber es ist mehrere Jahre her. Es geht ihm nicht immer schlecht, aber immer wieder, und die Ausschläge gegen unten auf seiner Befindens-Skala werden in meinem Empfinden immer gravierender.

„Wie stellst du dir das vor, wenn du 80 bist oder so? Hast du da ein Bild?“, fragt er. „Ja“, sage ich, „ich sehe mich und dich, an einem Tisch, du liest Zeitung, ich stricke, wir reden zusammen. Wie stellst du dir das vor?“ „Ich sehe nichts. Ich glaube nicht, dass ich alt werde.“

Die Tatsache, dass er noch nie einen Job hatte, in dem er sich wohl gefühlt hat, setzt ihm zu. Die Tatsache, dass er sowohl finanziell, prestigemässig wie auch von der subjektiv empfundenen Belastungsfähigkeit seit über 10 Jahren Rückschritte macht, zerstört seinen Selbstwert kontinuierlich. Mit Mitte 20 war er „Leiter Lagerlogistik“ in einem grossen Transportunternehmen. Jetzt, mit Mitte 30, ist er „Allrounder“ in einer Autoimportfirma. Er verdient mittlerweile gleichviel wie ich als auszubildende Sozialpädagogin während dem Studium. Netto sind das bei seinem 70%-Pensum 2900 CHF. Und das als kaufmännischer Angestellter mit 14 Jahren Berufserfahrung. Wegen seiner psychischen Angeschlagenheit bezahlt seit 2 Monaten die IV seinen Lohn. Als „Frühintervention“, damit er seinen Job behalten kann.

All das könnte er verkraften, wenn er seinen Job wenigstens gerne machen würde. Aber er wird an seinem Arbeitsplatz jeden Tag nur heruntergeputzt. Sein Chef verachtet ihn und lässt ihn das deutlich spüren. Der Betrieb ist total chaotisch und für jemanden, der gerne korrekt und durchdacht arbeitet eine Katastrophe. Fehler werden nicht nur in Kauf genommen, sondern bewusst gemacht, manchmal auch jenseits der Grenze zu Legalität. Die Ideen und Vorschläge meines Freundes, wie Daten korrekt und systematisch erfasst werden könnten, werden mit Äusserungen wie „Verdammt, du überlegst immer viel zu viel, wir haben keine Zeit für so Scheiss!“ abgewürgt. Niemand sagt ihm, wenn einer der Chefs oder seiner 3 Mitarbeiter Ferien hat, er merkt es dann, wenn einer nicht da ist. Gibt es Probleme, weil einer der Kunden merkt, dass was nicht stimmt, ist er Schuld, obwohl ihm gesagt wurde, er solle diese Unstimmigkeit gefälligst ignorieren, weil er ja für solchen Scheiss keine Zeit habe. Er rennt den ganzen Tag herum (wörtlich), hat keine Chance, fertig zu werden und dann kommt sein Chef und befiehlt, er solle im Internet einen Laptop für seine Tochter suchen, Preise und Bewertungen vergleichen, er wolle ihr einen zum Geburtstag schenken. Diese „Aufträge“ (darunter z.B. auch, die Hemden des Chefs in der Reinigung abzuholen oder den Porsche des Chefs zu waschen) erfüllt er dann meist in seiner Freizeit. Seit er dort arbeitet, hat er noch nie ein „danke“ oder „hast du gut gemacht“ gehört. Jeden Tag, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, wirkt er verzweifelter, gestresster, kleiner.

Mein Freund hat keine Perspektive, und er hat keine Lebensfreude mehr. Seine Welt ist kalt und böse und wird von einer sadistischen Gottheit mit Schadenfreude regiert. Er hat einen enormen Selbsthass entwickelt und sagt mir regelmässig, es wäre besser für mich, wenn wir uns trennen würden. Er sei für mich nur eine Belastung und vermutlich sei es sein Schicksal, irgendwann alleine als Sozialhilfebezüger zu sterben.

Ich vermisse meinen fröhlichen, witzigen Freund, ich vermisse seine Zuversicht und seinen Schalk. Depression ist ein Arschloch.

4 Gedanken zu “Depression ist ein Arschloch.

  1. Ich kenne so ähnliche Situationen und ich weiss es: Kein Weg scheint der Richtige: Weder zu bleiben, noch zu gehen. Weil man dann mit der Angst im Nacken lebt gar nie mehr einen Job zu finden.

    Dass die eigene Belastbarkeit unter solchen Umständen sinkt ist kein Wunder und schon ein Hinweis dafür, dass es doch ev. Sinn macht sich da irgendwann auszuklinken, bevor die Kräfte im Eimer sind.

  2. Liebe June, mein Freund sucht eine neue Stelle, seit er in diesem Betrieb zwei Monate angestellt war, was jetzt etwa ein Jahr her ist. Leider findet er nichts. Wenn er auf ein Stelleninserat hin irgendwo anruft, heisst es in der Regel „…haben bisher fast 200 Bewerbungen erhalten, aber Sie können sich gerne auch noch bewerben.“ Das macht er dann, um 2 Wochen später eine Standardabsage zu erhalten. Ich versuche aktuell, ihn zu überreden, sich bei einer Tankstelle oder einem Kiosk oder so zu bewerben, einfach, damit er nicht mehr in diesem Klima arbeiten muss. Da er sich Sorgen um seinen Lebenslauf macht und sich auch praktisch nichts mehr zutraut, hat er das jedoch bisher nicht probiert. Als Lager-Mitarbeiter oder so hat er sich auch schon beworben, gilt dafür aber als „überqualifiziert“ und hat somit keine Chance. Es ist wirklich nicht einfach.

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