Mosaikstein.

Mein Gedächtnis ist wie ein grosses antikes Mosaik. Viele bunte Steinchen, manchmal fehlt eines, manchmal auch gleich mehrere, manchmal fehlt auch der Kitt, manchmal liegt eines der winzigen Steinchen lose herum, stellenweise ist das Bild nicht mehr identifizierbar.

Ich weiss nicht, ob irgend ein Arzt/ eine Ärztin das bestätigen würde, aber ich führe die meisten meiner Erinnerungslücken und einen Grossteil des Durcheinanders bezüglich Jahreszahlen und Abfolgen auf meine Krankheit zurück. Es passierte mir gerade früher immer wieder, dass mich jemand aus meinem Umfeld auf einen Ausflug, eine Situation, irgendwas angesprochen hat, an das ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnerte. Manchmal kehrte die Erinnerung später wieder zurück, manchmal auch nicht. Was aber nicht bedeutet, dass ich mich nur selten an früher erinnere. Ich erinnere mich ständig. In knalligen Farben blitzen Erinnerungs-Fetzen auf, so gross, grell und penetrant, dass mein Bewusstsein für kurze Zeit davon in Beschlag genommen wird und ich mich konzentrieren muss, um den Bezug zu der Situation, in der ich eigentlich gerade stecke, z.B. vor dem Regal mit Backzutaten im Supermarkt zu stehen, nicht sichtbar zu verlieren. Diese Erinnerungen sind weder chronologisch noch inhaltlich geordnet. Es sind enorme Mengen an Mosaik-Steinchen aus einem riesigen Mosaik, wobei eine Art Zufallsgenerator zu entscheiden scheint, ob ich jetzt gerade eine Situation in meiner Schulzeit oder eine Situation in der Psychiatrie oder ein Gespräch mit meinem Chef vor einer halben Stunde nochmals durchlebe.

Mir wurde mal gesagt, Flashbacks würden immer nach einem bestimmten Muster ausgelöst. Irgendwas aus der realen Situation, in der ich gerade stecke, verknüpfe mein Hirn mit einer Erinnerung. Auslöser könnten Gerüche, Klänge, Farben, Worte, Handlungen etc. sein. Wenn ich erst einmal herausfinden würde, was genau meine Flashbacks auslöst, würde ich dieses Problem kognitiv lösen können.

Nun, wie soll ich sagen. Vermutlich bin ich zu blöd. Ich habe nach wie vor keine Ahnung, warum ich die Abwaschmaschine ausräume und plötzlich das Bild von mir, wie mir, von mehreren Pflegern festgehalten, in der Psychiatrie in Kanada eine Spritze in den Hintern verpasst wurde, quasi zu mir in die Küche hüpft.

Was ich weiss, ist, dass mir das während einem Gespräch so gut wie nie passiert, zumindest nicht in der sonst üblichen Intensität. Wenn ich mit jemandem in Kontakt bin, kann sich mein Unterbewusstsein offenbar besser beherrschen. Das gleiche gilt auch für Selbstgespräche: Wenn ich mit jemandem rede, führe ich nie Selbstgespräche.
Was ich auch weiss, ist, dass die Erinnerungen vor allem kommen, wenn es ruhig ist, wenn ich z.B. alleine im Zug sitze, oder wenn ich versuche, einzuschlafen. Beim Einschlafen kann ich darauf zählen, dass ich heimgesucht werde.

Nicht alles am ungefragten Aufblitzen dieser Mosaik-Steinchen ist schlecht. Ich denke über diverse Dinge nur nach, weil immer wieder Vergangenes ungefragt in mein Bewusstsein platzt. Ich verbinde manchmal Erinnerungen mit Gegenwärtigem und erlange neue Erkenntnisse.

Dennoch: Es kann einen stark verunsichern, wenn Erinnerungen so versplittert daherkommen. Es ist schwierig, zu akzeptieren, dass man gewisse Ereignisse nie rekonstruieren können wird. Dass man nie wissen wird, was sich in welcher Abfolge abgespielt hat, dass man nur grob schätzen kann, was in welchem Jahr passiert ist. Gerade, wenn man wie ich gerne Ordnung im Kopf hätte. Mich von diesem Bedürfnis zu befreien, gelingt mir manchmal besser und manchmal schlechter.

Ich stand in der Küche, war am Abwaschen, sah zum Fenster raus, das Radio lief, als ich mich plötzlich im Klassenzimmer meiner Schule sah, vielleicht 15 Jahre alt. Mein Deutschlehrer las einen meiner Aufsätze vor. Es ging darum, eine vorgegebene angefangene Geschichte zu vervollständigen. In meiner Variante ging es um ein rubinrotes Armband, das eine Frau aus dem Fenster eines Hochhauses ins herbstliche Grau wirft, und schliesslich hinterher in den Tod springt. Ausser meinem Aufsatz las er noch den einer Klassenkameradin vor. Auch ihre Geschichte endete mit Selbstmord. Wir hatten beide die beste Note der Klasse erhalten. Der Lehrer sah dann auf und meinte, wir sollten nun bitte nicht denken, dass er nur Aufsätz gut finde, die mit Selbstmord enden würden.


Die betreffende Klassenkameradin kam mit 17 in die Psychiatrie, Diagnose Borderline, ich mit 19, Diagnose schizoid-affektive Störung.

4 Gedanken zu “Mosaikstein.

  1. Früher konnte ich mich immer an alles ganz genau erinnern. Mit Jahreszahlen,Musik. Erinnerungen kamen ganz klar und waren fest verankert. Seit ich krank bin, ist dem nicht mehr so. Ich kann mich nicht erinnern. Es ist schlimm, wenn Freunde mir nun von Begebenheiten erzählen, an welche ich mich überhaupt nicht erinnern kann. Und dann plötzlich kommt eine Erinnerung auf aber ich traue ihr nicht. Ist diese Erinnerung eine wahre Erinnerung oder etwas, was mir vor kurzem erzählt wurde und an welches ich mich nicht mehr erinnern kann? Wird alles sehr verwirrend mit dem vielen erinnern.
    Ich habe als Kind auch schon Zettel an meine Eltern geschrieben, wo ich vom Tode sprach. Es wurde halt leider nie darauf eingegangen. Das kann jetzt alles Zufall sein, ich wollte dir nur zeigen, du bist nicht alleine. 😉

    • Danke, es ist immer beruhigend zu wissen, dass man mit einem Problem nicht alleine ist. Auch ich habe immer wieder Probleme, zu unterscheiden, was wirklich und in meinem eigenen Leben passiert ist, und was ich irgendwo aufgeschnappt habe. Gerade in meinen Psychosen halluziniere ich ja, dass sich die Balken biegen, zudem holt mich in psychotischen Phasen meine Geschichte, sei es meine Kindheit, meine Jugend oder meine vergangenen Psychosen immer wieder ein. Dabei komme ich immer zum Schluss, dass mein Leben eigentlich ganz anders verlaufen ist als ich bisher dachte, meist glaube ich, dass ich zu irgendeiner höheren, metaphysischen Aufgabe berufen bin. Nach der Psychose dann wieder alles aufzubröseln, was ich mir nur eingbildet habe und was wirklich passiert ist, ist schmerzhaft und schwierig, in einigen Details oft unmöglich. Für mich bedeutet das, dass ich immer wieder vor dem Nichts stehe, ohne Identität, ohne Geschichte, bis ich wieder einigermassen weiss, wer ich bin, wie ich aufgewachsen bin, was ich erlebt habe und was alles nicht.
      Um dir dennoch etwas Mut zu machen: Wenn es mir besser oder gut geht, wie im Moment, erinnere ich mich auch wieder besser, geordneter, realistischer. Ich denke, so wird es auch dir gehen, wenn es dir wieder besser geht. Im Krankheitsmodus schaltet das Gehirn auf Notstrom, und viele kognitive Aktivitäten werden eingeschränkt. Es normalisiert sich, wenn die Gesundheit zurück kehrt.

  2. Pingback: Knapp vorbei. | Ein My.

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