„Wir“ und „das Pack“.

Hin und wieder formt sich in meinem Kopf eine Erkenntnis, deren Bestandteile ich schon jahrelang in mir herum getragen habe, jedoch mehr so als einzelne Brocken in einer undefinierbaren Suppe denn als kompakter Gedanke. Einen dieser Geistesblitze hatte ich in diesen Tagen, als ich einer Freundin von einer meiner ehemaligen Stellen erzählte (die mit Igor). Die Quintessenz ist folgende:

Alle Menschen, ja, wirklich alle, spüren, ob ihr Gegenüber sie als gleichwertiges Wesen ansieht – oder eben nicht.

Ich habe mit so vielen Menschen zusammengearbeitet, SozialpädagogInnen, ArbeitsagogInnen, PraxisausbildnerInnen etc., welche unsere Klientel verachtet hat. Für die die jeweiligen Menschen, mit psychischen, sozialen, kognitiven, physischen, was auch immer für Einschränkungen, „das Pack“ war. Die Idioten, die Durchgeknallten, die Bescheuerten, die Aggressiven, die Kaputten, die Behinderten, die Menschen zweiter Klasse. „Das Pack“ halt.

Diese „Professionellen“, Angehörige meiner Berufsgattung zum Beispiel, distanzieren sich selber so stark von den Menschen, die sie begleiten, dass sie sich nie im Leben vorstellen könnten, mit dem „Pack“ auf einer Stufe zu stehen. Dass einer vom „Pack“ mit ihnen im selben Verein Sport machen könnte, dass eine vom „Pack“ eine gleichgestellte Mitarbeiterin sein könnte, dass einer vom „Pack“ im selben politischen Komittee sitzen könnte oder eine vom „Pack“ die eigene Schwester sein könnte – all dies, behaupte ich, können sich jene Menschen nicht vorstellen. Für sie gibt es „uns“, die Betreuenden, die mit der einwandfreien Biographie und dem einwandfreien Genmaterial, und es gibt „die da“, die Klientel, die mit dem Problemhintergrund, die mit den Schäden, die ohne Aussicht auf einen „richtigen“ Job.

Meine Überzeugung ist, und das ist meine Botschaft: Jeder Mensch spürt das. Selbst Kinder spüren das. Menschen mit schweren kognitiven Einschränkungen spüren das, psychisch labile Menschen spüren das. Ich behaupte, auch demente Menschen spüren das, delinquente Menschen spüren das, Menschen mit Suchtproblemen spüren das.

Menschen mit blonden Haaren spüren das. Menschen mit schwarzen Haaren spüren das. Metzger spüren das. Soldatinnen spüren das. Coiffeusen spüren das. Familienväter spüren das. Familienmütter spüren das. Rechtshänder spüren das. Anwältinnen spüren das. Schlagerfans spüren das. Alle.

Mir geht es nicht darum, dass es keine Hierarchie geben darf zwischen Betreuten und Betreuenden. Selbstverständlich gibt es da eine Hierarchie, ein Machtgefälle, das liegt in der Natur der Sache. Meine Funktion als Patientin ist nicht die selbe wie die der Psychiatriepflegefachfrau, die mich betreut. Wir haben nicht die selben Befugnisse, nicht die selben Kompetenzen. Es ist ihr Job, mich zu begleiten, zu intervenieren, wenn ich meinen Kopf gegen die Wand schlage. Sie darf mich fixieren, sie darf mir gegen meinen Willen eine Spritze verabreichen. Sie erhält Geld dafür, mit mir Zeit zu verbringen, mit mir spazieren zu gehen oder mit mir Schach zu spielen. Es wäre seltsam, wenn sie mir ihre Handynummer geben würde mit dem Hinweis, wir könnten ja mal was trinken gehen zusammen.

Nein, es geht mir nicht darum, dass die Distanz zwischen Klient und Profi aufgehoben werden soll. Es geht mir darum, dass man sich als „Profi“ trotz Machtgefälle vorstellen kann, wie es wohl wäre, wenn man in der anderen Haut stecken würde. Dass man sich auf seine Befugnisse bezogen auf einer höheren Stufe sieht als der Klient, aber nicht als Mensch. Kein Mensch ist mehr wert als ein anderer. Keine Funktion, kein Job der Welt führt dazu, dass man als Mensch wertvoller ist als die Menschen, die man gerade betreut.

Jeder Mensch spürt es, wenn man ihn verachtet. Dass er sich daraufhin vielleicht verweigert, protestiert, ausfällig wird, kann man ihm in diesem Fall nicht übel nehmen.

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27 Gedanken zu “„Wir“ und „das Pack“.

  1. Die Überheblichkeit mit der sich manche Menschen über einen anderen Menschen stellen wollen oder es tun, ist schwer zu ertragen. Ich persönlich kann es sehr gut nachvollziehen, denn meine ehemaligen Kolleginnen,haben genau dies getan. Jeden Tag. Als Pflegefachfrau habe ich etwas anderes erwartet. Es kommt eine junge Frau für einen Schwangerschaftsabbruch; sie wird als Schlampe deklariert. Es kommt eine Frau zum wiederholten Schwangerschaftsabbruch; sie ist ein Hoffnungsloser Fall und man weigert sich, sie zu betreuen. Ob das diese Frauen gespürt haben? Mit Sicherheit. Da es meistens recht junge Frauen waren, bekamen sie gleich vorgeführt, was von ihnen gehalten wird. Die Frage, wieso es überhaupt zu ungewollten Schwangerschaften kommt und was man tun könnte, nie gestellt.
    Mit diesen Pflegefachfrauen zusammen arbeiten zu müssen, war eine Qual. Ständiges sich distanzieren müssen, sich erklären müssen wieso man nun nicht über Patientin A oder B herziehen mag, wieso man diese auch noch gerne betreut. Ich dachte immer, es ist Teil meines Berufsethos, dass ich Menschen unvoreingenommen betreue und pflege. Die Realität zeigt etwas anderes auf. Ich bin daran zerbrochen. Man kann nicht alleine gegen Dummheit und Ignoranz ankämpfen. Besonders nicht, wenn von der Leitung selbst keine Unterstützung gezeigt wird sondern genau das gleiche gelebt wird.
    Ich war schon immer anders, kommt nun noch das Label psychische Erkrankung hinzu. Willkommen im „Pack“.

    • Ich habe selber auch schon wiederholt zum Pack gehört, wahrscheinlich bin ich deshalb auch so sensibel in Bezug auf dieses Thema. Ich möchte betonen: Ein grosser Anteil an Profis macht seine Sache gut. Längst nicht alle, nicht mal die Mehrzahl, hoffe ich, an Betreuenden geht mit dieser Haltung an die zu betreuenden Menschen heran. Aber es gibt immer wieder Profis, die halten sich selber für bessere Menschen als diejenigen, die sie pflegen, begleiten, unterstützen sollen. Wie du schreibst: Die Haltung in einem Betrieb, die von der Leitung vorgelebt wird, hat einen grossen Einfluss. Ich arbeite momentan in einer Einrichtung, in der Wertschätzung sowohl unter den Mitarbeitenden wie auch gegenüber der Klientel hoch gehalten wird. An einem solchen Ort arbeiten automatisch weniger Profis, die mit dieser Grundverachtung durchs Leben gehen. In dem Job, den ich aufgrund meiner Krankheit verloren habe, war das ganz anders. Und ich behaupte rückblickend, dass das der eigentliche Grund für meine Freistellung nach 2 Wochen krankheitsbedingter Abwesenheit war: Man hatte bestürzt erkannt, dass ich eigentlich nicht zu „Wir“, sondern zu „das Pack“ gehöre.

      • Diese Stelle suche ich noch. Ich habe es leider immer nur anders erlebt. Überheblichkeit, Kälte, schlechte Führung, keine Kommunikation. Wertschätzung auf dem Papier und in der Klinikzeitung. Mehr nicht. Und Papier ist bekanntlich Geduldig.
        Aber wenn du solch ein gutes Klima erlebst, dann freut mich das sehr. Da muss ich meine Hoffnung vielleicht doch nicht aufgeben, dass es so etwas geben kann. Wertschätzung.
        Und natürlich möchte ich nicht verallgemeinern! Es gibt auch genügend Menschen, die anders sind. Und dies auch leben. Zum Glück.

      • Eine solche Stelle ist wohl Glücksache. Im Bereich Pflege kenne ich mich nicht aus, in meinem Beruf ist es glaub ich von Vorteil, wenn es ein eher kleiner Betrieb ist, mit einer Leitungsperson, die sich der Wertschätzung allen Menschen gegenüber verpflichtet fühlt. Ich hoffe, dass auch du einen Betrieb findest, in dem du dich wohlfühlst.

  2. Zu solchen Situationen gehören immer zwei. Einer der es macht, ein anderer der es mit sich machen lässt.

    Ich bin deiner Meinung, aber ich habe oft das Gefühl, dass das ‚Pack‘ nicht genug Widerstand leistet im Sinne eines Dialogs. Ich habe genug Menschen gesehen, die sind anders, aber wissen sich zu wehren. Das fängt schon mal mit der Einstellung an, dass es keinen ‚richtigen‘ Menschen gibt und jeder schlecht gemacht werden kann wenn man Lust auf Stunk hat.

    Fordere kein Respekt ein, zeige denen dass du deren Respekt schlicht nicht brauchst. Warum solltest du dich auch für die Meinung einfältiger Menschen auch interessieren?

    • Das Problem ist halt, dass oft ein Machtgefälle herrscht zwischen Betreuenden und Betreuten. Nicht alle betreuten Menschen sind stark genug, um Betreuenden Paroli zu bieten, wenn diese sie mit Verachtung behandeln. Ich selber habe als Betreuende (ich bin Sozpäd) durchaus Interesse daran, wie meine ArbeitskollegInnen an unsere Klientel heran gehen. Gerade in einem Abhängigkeitsverhältnis ist mangelnder Respekt vor dem Klienten verheerend.

      • Ich gebe zu, ich weiß auch die genaue Ausgangssituation nicht, da ich den Beruf selbst nicht kenne (also keine Erfahrung, da nie selbst ausgeübt). Ich weiß aber, auch bei Machtgefälle, dass sich nie was ändern wird, wenn alles hingenommen wird.

        Die Frage ist nur, wie leistet man passend Widerstand, um diese Situation zu ändern? Vielleicht Aufklärung? Oder diesen Zustand den Medien erzählen, damit darüber berichtet wird?

        Meine Beispiele sind ohne Zusammenhang, das ist nicht schwer zu sehen, denn ich weiß zu wenig. Aber die Kernaussage bleibt; wenn etwas nicht in Ordnung ist, dann muss man es einfach lösen, weil es kein anderer macht und die Situation sich nicht von selbst löst.

        Ich möchte einfach etwas Kampfgeist bei diesem Thema sehen.

      • Da forderst du viel von Menschen, die je nach je keine Stimme, keine Lobby oder aber schlicht keine Macht haben. Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Suchtproblemen, psychischen Krankheiten etc. sind den Profis oft in irgendeiner Form ausgeliefert. In meinen psychotischen oder depressiven Phasen hatte ich genug andere Probleme, da ging mein Kampfgeist gegen Verachtung durch Betreuende ziemlich schnell verloren. By the way: Mein Beitrag tut in meinen Augen genau das, was du von mir forderst: Er kritisiert und macht auf Missstände aufmerksam. Aber: Wie genau willst du eine Grundhaltung bekämpfen (lassen)? Wenn eine Sozialpädagogin ein Kind schlägt und das nicht vertuschen kann, gibt es (zum Glück und hoffentlich) einen Skandal. Wenn ein Arbeitsagoge eine Klientin sexuell belästigt und das (was leider selten genug ist) an die Öffentlichkeit kommt, ebenfalls. Das sind abscheuliche und strafbare Vergehen. Aber wie genau willst du Verachtung ahnden (lassen)?

  3. Und das mit dem Kampfgeist ist das Problem. Der Artikel ist ein Schritt, um Abhilfe zu schaffen, das sehe ich auch. Aber der Rest ist so eine Sache.

    Zum einen sollte der Kampfgeist nicht verloren gehen, egal welche Umstände einen erwischen. Die traurige Wahrheit ist nunmal: du kannst nicht erwarten, dass jemand deine Klagen hört, dann um die Ecke kommt und dein Problem löst (der Satz klingt hart, ist aber nicht spottend gemeint, ich kann es nicht freundlicher fomulieren).
    Wenn man sich seinen Schicksal ergibt, dann wird sich wahrscheinlich garnichts ändern. Oft kann man sich nur selbst helfen, und das sehe ich irgendwie nicht. Es muss kein Medienrummel sein, warum nicht einfach klartext reden? Offen sagen, dass die Behandlung inakzeptabel ist?

    Und da wäre noch ein anderer Blickwinkel zu diesem Thema. Sagen wir mal, wenn die eigenen Probleme, welche auch immer, so groß sind, dass du dich eigentlich nicht um die Verachtungssache kümmern möchtest, weil deine eigene Probleme gravierender sind, ist die Verachtungssache dann wirklich so wichtig? Es ist ein Ärgernis, klar, aber wenn andere Probleme dich noch mehr auslaugen, sollten dann diese nicht zuerst behoben werden, bevor du dich um die ‚kleineren‘ Probleme kümmerst?

    Versuche die Probleme in deinem Umfeld zu lösen, mache irgendwas. Einfach zu sagen, dass die Situation mies ist, schafft zwar Aufmerksamkeit, aber allein für sich bringt es nichts.

    • Von der Grundlage her sehe ich ein, was du sagst und stimme dem eigentlich auch zu. ABER zwei Sachen.

      1. Gerade im Bereich der Sozialen Arbeit hat man oft Klientel, dass genau das – das sich wehren – nicht kann. Ich kann jetzt nur mal aus meiner Erfahrung reden, was psychische Erkrankungen angeht. Die gehen ziemlich oft mit einem Selbstwertproblem einher, mit einem Geringachten der eigenen Meinung und Bedürfnisse (oder evtl. der fehlenden Wahrnehmung derselben), mit einem „Ich habe nicht gelernt, mich zu wehren.“, einer hohen Sensibilität für negative Meinungen einem gegenüber usw. Natürlich kann das je nach Störungsbild auch ganz anders aussehen. Aber du forderst von Menschen, für die es ein Lernziel sein kann, sich wehren zu lernen – und die das sehr mühevoll und oft langwierig und in einer sicheren Umgebung lernen müssen – dass sie sich wehren gegen jemanden, der eh auf sie herabschaut und ihnen durch seine Haltung zu begreifen gibt, dass das, was sie sind und tun und sagen in irgendeiner Weise falsch, minderwertig, abartig … ist. Da überlegt man sich zweimal, ob man so weit über seine Mutgrenze hinweggeht, wenn es eh nur negative Folgen hat und einen runterzieht.

      2. Die Verachtungssache ist superwichtig, auch wenn aufgrund anderer Probleme die Kraft fehlt, sich darum zu kümmern. Wenn man eh schon total fertig ist, kommt das nämlich noch oben drauf. Und es hat auch ’ne Auswirkung darauf, wie leicht es einem fällt, jemandem zu vertrauen, sich helfen zu lassen und allgemein zu glauben, dass derjenige es gut mit einem meint. Und natürlich auf’s Selbstwertgefühl. Ich persönlich habe erst durch die Achtung von außen gelernt, dass ich nicht abartig, seltsam oder unnormal bin, sondern einfach nur ein Mensch wie andere auch. Und andersrum hat auch grad schon die Verachtung von professioneller Seite wahnsinnig viel kaputt gemacht.

      • Darum mag ich Dialoge, denn man lernt auch von der anderen Seite.
        Gerade der erste Punkt ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen.

        Die Sache ist ziemlich verzwickt, das sehe ich auch. Aber ich tue mich schwer damit, zu sagen man muss alles so hinnehmen wie es ist.

        Die Frage also ist, was kann man machen? Gibt es eine Lösung? Auf jedenfall muss man am Ball bleiben.

        Zu Punkt 2. Ich bin der Meinung, dass es nicht so relevant ist. Es ist nicht bedeutungslos, aber es hat nicht hohe Priorität. Warum?
        Wenn ich es richtig verstanden habe, ist das Problem bei der Sache, dass die Klienten kaum bis kein Selbstwertgefühl haben, weswegen die Verachtung ihnen gegebüber so fatal ist. Bei ’normalen‘ Menschen (ich sag jetzt ’normale Menschen‘ zur Differenzierung, denke aber auch, dass es normal und unnormal nicht in der Form gibt) würde man Widerstand beobachten, sie würden widersprechen oder was anderes machen, aber in der Essenz lassen sie sich das nicht gefallen. Die Klientel hingegen lässt bei sowas gerne den Kopf hängen, wegen fehlendem Selbstvertrauen.

        Ein Ansatz wäre also, ihnen Selbstvertrauen zu geben, damit sie den Betreuern bei unfairer Behandlung die Stirn bieten können. Nur kann man ihnen Selbstvertrauen geben, wenn Betreuer nett zu ihnen sind? Ich denke nein.

        Es ist absolut kein Grund für Betreuer, so mit Patienten umzugehen. Aber ich denke, dass ein netterer Umgang zwar ganz nett ist, aber trotzdem nicht das Kernproblem löst. Das Maximum, was man erwarten kann, ist, dass Betreuer eben freundlich auf einen zureden und nicht negativ behandeln. Nur das Reden allein verbessert nicht unbedingt den Zustand der Patienten. Deswegen sehe ich das Problem als Zweitrangig und man sollte sich zuerst um andere Dinge kümmern, zum Beispiel eben um das fehlende Selbstvertrauen.

        Eine Sache muss man Patienten nämlich klar machen, Betreuer können ihre Probleme nicht lösen, sie können Patienten nur dabei helfen, es selbst zu lösen. Und der Ansatz sollte zuerst verfolgt werden finde ich.

  4. Es geht nicht um’s nett sein, es geht um die Sicht, die Fachkräfte auf ihre Klienten haben und die sie ihnen in irgend einer Form vermitteln. Und da macht es einen wahnsinnigen Unterschied, ob man als Klient/ Patient immer (unterschwellig) merkt, dass man weniger/ nichts wert ist oder ob man als gleichberechtigt angesehen wird oder sogar als jemand, der vielleicht selbst wertvolle Hinweise, Ideen … liefern kann. Es gibt auch genug Leute mit psychischen Krankheiten, die kein Problem damit haben, aufzumucken und sich zu wehren. Renitentes, ablehnendes, übertrieben selbstüberhöhendes, arrogantes … Verhalten kann auch (evtl. unbewusst) dazu dienen, ein mieses Selbstwertgefühl zu kompensieren. Aber es hat trotzdem Auswirkungen auf die Leute, wenn sie von Professionellen als „Abschaum“ angesehen werden, auch wenn man es von außen nicht merkt. Wenn du zum Friseur gehen würdest und (in welcher Form auch immer) merkst, dass der auf dich herunterschaut, weil du keine Ahnung vom Haareschneiden hast oder zum Arzt und der dich angeht, weil du wegen irgend ’ner Kleinigkeit (die du als Laie aber so nicht abschätzen kannst) kommst oder weil du bei so ’ner ernsten Sache nicht schon eher gekommen bist (was du als Laie usw.), dann würdest du dir wahrscheinlich auch zweimal überlegen, ob du jemals wieder dahin gehst, auch wenn dir der Friseur den Haarschnitt deines Lebens verpasst hat oder der Arzt sonst recht gut ist.

    • Menschen, für die ihre Klientel „das Pack“ ist, sollten nicht in einem sozialen/ pflegerischen/ therapeutischen Beruf tätig sein. Punkt. Mehr gibt es dazu von meiner Seite her nicht mehr zu sagen.

  5. Ich denke ich habe es verstanden. (Das meine ich ehrlich)
    Das können wir dann so stehen lassen, meine Zustimmung habt ihr sowieso.

    @nureinmy: Ich bin auch der Meinung, dass gerade Menschen mit so einem arroganten Gesellschaftsbild in dem Bereich nichts verloren haben. Nur leider hapert es daran, dass die Verantwortlichen die nötigen Vorraussetzungen einfach nicht verstehen wollen (oder können?), weswegen man immer öfter ungeeignete Personen in diesen Bereichen findet.
    Es muss einfach ein anderes Denken her…

  6. Ich habe sogar die These, dass sich viele Menschen den sozialen Bereich unbewusst aussuchen, um sich an ihrem eigenen Thema, ihrer Ablehnung gegenüber Schwach sein, krank sein, hilfe brauchen, abzuarbeiten. Viele Therapeuten die ich kennengelernt habe, waren 100%ig davon überzeugt, mit ihren Patienten reich garnichts zu tun zu haben weil sie einen großen Teil von sich selbst abgelehnt haben. Sie sind unbewusst aber so stark mit dem inneren Kampf gegen sich verbunden, dass sie sich sogar distanzieren müssen vom Klientel, sonst würden sie mit sich in Kontakt kommen.
    Ich unterstelle jedem „Helfenden“ der sich erhebt über den Hilfesuchenden, dass er selbst ein ganz großes eigenes Problem mit dem Selbstwert hat. Denn sonst würde er erkennen, dass es keine andere Seite gibt und er auch nicht in Sicherheit ist.
    Das fatale ist, wie du schreibst, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen oft vollkommen hilflos sind und sich in ihren schlimmen Vorerfahrungen bestätigt fühlen. Es ist sowohl für die Hilfesuchenden als auch für die Helfer ein Kreislauf, der kaum zu durchbrechen ist, ohne eigene Selbstreflektion und Mut. Aber an beiden Fronten gibt es so viele Verletzungen, so dass jeder auf seine Weise reagiert. Der eine fühlt sich nochmehr bestätigt, scheiße zu sein und Respekt nicht verdient zu haben, der andere grenzt sich noch mehr ab von dem widerlichen Pack, da unten. Klienten spüren das und Helfer können niemals gut helfen wenn sie diese menschenverachtende Haltung in sich tragen.
    Aber und das finde ich das Interessante daran; die Helfer arbeiten sich selber an einem riesen Problem ab, denen geht es innerlich auch schlecht, die sind genauso ihre Sklaven wie die, die es dann tragischerweise abbekommen. Gewinner gibts da keine und es fasziniert mich dass ausgerechnet die Kaputtesten Jobs wählen, um sich so richtig schön stark fühlen zu dürfen. Es ist furchtbar traurig aber wenn man es einmal weiß, begreift man den Mechanismus dahinter. Ändern kann man es m.M. nur dadurch, dass man anfängt schon Kindern beizubringen, NIEMALS blind einer Autorität zu folgen, immer auch selbst mitzudenken. Andere Wege sehe ich nicht. Nämlich die Leute, die einmal in die Hilfeschiene abgerutscht sind und eine solche Demütigung non verbal erleben müssen, können den Kreislauf i.d.R. nicht durchbrechen. Fehlende Reflektion und fehlendes Selbstvertrauen machen eine Therapie zum perfekten Platz, an dem Täter sich ausleben können. Sie werden zu Tätern, weil sie es selbst genau so wenig Wissen.

    • Danke für dein Statement. Ich möchte deinem Kommentar anfügen: Nicht alle Menschen in sozialen, therapeutischen oder pflegerischen Jobs haben ihren Beruf aus den Gründen gewählt, die du schilderst: Machtgefühl, Sadismus, Kompensation eigner Defizite etc. Wenn dem so wäre, holla die Waldfee! Welchen dieser Gründe würdest du denn beispielsweise mir unterstellen? Ich bin seit 12 Jahren im Berufsfeld Soziale Arbeit und habe einige SozialpädagogInnen, TherapeutInnen, SozialarbeiterInnen, Pflegefachfrauen und -männer etc.kennen gelernt. Die kaputten, destruktiven, menschenverachtenden unter ihnen, die ihre Klientel als Pack ansehen, waren in meinem Empfinden in der Unterzahl. Es gibt viele motivierte, menschenfreundliche und wertschätzende Menschen in diesem Berufsfeld. Leider gibt es daneben auch die Spezies Mensch, die du beschreibst.

      • Ich möchte niemandem irgendwas unterstellen.
        Ich weiß dass es Menschen in sozialen Bereichen gibt, die sehr mitfühlend und wahnsinnig respektvoll und selbstreflektiert sind. Und genau die braucht es sehr dringend! Ich gehe davon aus, dass du einer dieser Menschen bist 😉
        Ich kenne aber persönlich mehr Beispiele von Soz. Päds. oder Therapeuten, die diese Reflektion nicht drauf haben und das finde ich gefährlich.
        Aber es ist gut, wenn du da andere Erfahrungen hast, du bist ja noch viel mehr da drin als ich es je war.

      • Ok. Ja, die (Sozpäds, PsychiaterInnen etc. ohne Wertschätzung und Selbstreflexions) gibts, durchaus, musste ich wirklich auch schon schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Es ist eine Schweinerei, wie manche Profis mit ihrer Klientel umgehen, vor allem, wenn sie clever genug sind, das so zu machen, dass man sie nicht belangen kann, weil sie nicht klar gegen eine Regel oder ein Gesetz verstossen haben. Und doch bin ich optimistisch. Die jungen Leute, die in meinem Betrieb eine Ausbildung als Sozpäd starten, sind ausnahmslos warmherzige, engagierte und motivierte Menschen. Vielleicht sterben die miesen Säcke irgendwann aus.

      • Das ist aber schön, dass bei dir so toller Nachwuchs wartet 🙂
        Eine Frage hab ich noch: Du lebst in Österreich/ der Schweiz ?! Ist bei euch der Soz. Päd. eine Ausbildung? Hier in Deutschland ist es ja ein 3 Jähriges Studium (Bachelor).

      • Ich lebe in der Schweiz. Bei uns gibts diverse Möglichkeiten, um zum „Sozpäd“ zu gelangen. Grundsätzlich ist es eine Zweitausbildung / Studium, die man erst ab 20 und aufbauend auf dem Abschluss einer Berufslehre oder dem Abitur beginnen kann. Man kann Sozpäd an einer „Höheren Fachschule“ (= Aufnahmebedingung abgeschlossene Berufslehre) oder an einer „Fachhochschule“ (Bachelor, Aufnahmebedingung Abitur oder „Berufsmatura“ oder „Aufnahme sur Dossier“) oder auch an einer Universität studieren.
        Ja, die jungen Mädels und Jungs lassen gutes hoffen 🙂 ich arbeite generell in einem Betrieb mit gutem Klima und fähigen Mitarbeitenden.

      • Ah, das ist ja interessant, dass es in der Schweiz anders geregelt wird.
        Gibt es dann da eine Bevorzung bei Jobs wenn Leute es studiert haben oder ist die Höhere Fachschule genauso gern gesehen oder sogar beliebter? Würde mir das für Deutschland auch wünschen, dass man es als Zweitausbildung ohne Abi machen könnte. Finde das sehr sinnvoll.
        Und voll gut dass du in einem harmonischen Betriebsklima arbeitest, unbezahlbar!

      • Das kommt auf den Job an, würde ich sagen, und auch auf den Betrieb. Ich (FH-Abschluss bzw. Bachelor) sass mal in einem Vorstellungsgespräch mit einem Institutionsleiter, der mir erklärte, eigentlich stelle er niemanden mit FH-Abschluss ein (worauf ich mich fragte, warum genau ich denn dann an diesem Tisch sitze, aber das ist eine andere Geschichte). Grundsätzlich kann man sich mit beiden Abschlüssen auf die selben Jobs bewerben, ausser vielleicht für Projektleitungen mit wissenschaftlichem Anspruch etc. Bei uns gibt es auch die Möglichkeit, die Ausbildung Vollzeit oder Teilzeitmäaaig zu machen. Meiner Ansicht nach fast der grössere Unterschied als HF oder FH Abschluss. Ich hab mein „Studium“ in 4 Jahren teilzeitmässig gemacht, d.h. ich musste immer mindestens zu 50% als Sozialpädagogin arbeiten während der Ausbildung. Das finde ich wirklich wertvoll. Ich finde es nicht so geschickt, wenn Leute 3-4 Jahre lang ein Vollzeitstudium machen und danach quasi ohne Praxiserfahrung auf Klienten „losgelassen“ werden. Aber das ist mal wieder nur meine Sicht der Dinge.

      • Ich sehe es so wie du.
        In Deutschland ist Soz.Päd der schlecht bezahlteste Studienberuf, ist es bei euch ähnlich oder hat der Beruf auch ein höheres Ansehen?
        Ich stelle so viele Fragen weil es interessiert mich echt sehr, wie du merkst 🙂

      • Das kann ich dir so nicht beantworten, dazu kenne ich die Löhne von Berufen mit vergleichbarer Ausbildung zu wenig. Eines ist sicher: In der Behindertenhilfe verdienst du als stationär arbeitender Sozpäd mit miesen Arbeitsbedingungen (Schichtdienst, Nachtdienste, Wochenenddienste, geteilte Dienste mit 4h frei dazwischen) schlecht, bzw. vergleichbar mit dem Pflegepersonal. Im Bereich soziale Auffälligkeit (Kinder und Jugendliche) verdiene ich sehr viel besser als in der Behindertenhilfe. Es kommt natürlich aber auch stark auf den Arbeitgeber und vor allem auch auf den Kanton an. Die Unterschiede von Region zu Region sind gross.
        Vergleicht man meinen Lohn mit dem eines Ingenieurs, eines Informatikers, etc. mit Bachelor-Abschluss, komme ich sicher schlecht weg. Aber ich arbeite 80% und kann davon gut leben. Reich werde ich allerdings nie sein.

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