Kriseninterventionsstation, anno 2003.

Der letzte Beitrag hat mich dazu gebracht, in meinem Archiv zu wühlen. Ich wusste, es gibt einen Text, den ich vor etwa 10 Jahren zu meinem Aufenthalt in der KIS verfasst hatte. Er ist nur kurz, und beschreibt doch ganz gut meinen damaligen Zustand. Es hat gute Gründe, warum ich alte Texte fast nie lösche, selbst wenn sie wirr und fast unleserlich sind. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem ich sie wieder lesen will. Hier also der Text, live aus der Vergangenheit, im Jahr 2003, beginnend bei einem Gespräch mit der psychiatrischen Oberärztin.

Ich schweige. Glotze sie an. Leck mich doch am Arsch. Ja, du hast richtig gehört. Lies die Akten, dort wirst du finden, wonach du suchst. Was tatsächlich abgegangen ist, interessiert dich eh nicht.
Irgendwie tut mir die versnobte Tussi fast leid. Allerdings nur fast. Der knallige akurate Lippenstift und das zentimeterdicke Make-up lässt ihre Falten nicht verschwinden. Und ich werde kein glanzvoller Präzedenzfall werden. Zu schade. Schliesslich lässt mich die Dame wieder gehen, die Missbilligung hat sich irgendwo in einer angemalten Falte verklemmt. Ich zottle also von dannen. Gehe meine Barclays holen und verziehe mich die nächsten Stunden ins Raucherzimmer. Ich habe das Gefühl, vor lauter Gleichgültigkeit und Langeweile schreien zu wollen.
Die Privatsphäre kannst du hier echt vergessen. Kaum habe ich begonnen, meinen Zigarettenvorrat zielstrebig zugrunde zu richten, kommt auch schon Konrad daher und fläzt sich ebenfalls auf einen der Holzstühle. In der nächsten halben Stunde beschäftige ich mich damit, zu zählen, wie oft ich das Wort Fotze höre. „Das war voll die geile Fotze. Da willste voll die Fotze lecken. Mann, war das ne Muschi.“ Moment, zählt Muschi auch? Wohl eher nicht, sonst müsste auch Titte, Nippel und so weiter mit auf die Liste, und die bezeichnen nicht mal die selben Körperteile. Ja, Konrad hat mein Vokabular erheblich erweitert. Er hat mich auch zu meinem ersten und bisher einzigen Strip-Club-Besuch gebracht. Konrad, so sinniere ich, ist mein Mentor punkto horizontalem Gewerbe. Man könnte auch sagen, Konrad ist ein ausgebrannter, alter perverser Sack, aber das klingt weniger hübsch.
Während ich über Konrad nachdenke, vergesse ich das Zählen. Naja, es waren jedenfalls eine hübsche Anzahl Fotzen. Da kommt Kathrin rein. Sie spricht kaum, sondern raucht Kette und starrt wild umher. Kathrin bringt locker 150 Kilo auf die Waage, und ihr langes Haar hängt strähnig und ungepflegt in der Gegend herum. Kürzlich habe ich gehört, wie jemand erzählt hat, dass sie erst 28 Jahre alt sei. Sie sieht mindestens aus wie 50. Es ist gemein, aber immer wenn ich Kathrin sehe, denke ich: Genau so will ich nie werden. Wenn du erst mal so ne Biographie aufweist, ist dein Leben endgültig am Arsch. Sie wird nie mehr da raus kommen. Ich meine, easy, so in einem halben Jahr darf sie vielleicht in ein betreutes Wohnheim, dort bleibt sie ein paar Monate, dann rastet sie aus, schiebt eine Psychose, und schwups, ist sie wieder auf der Geschlossenen.

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