Hilflos.

Es ist mehr als 10 Jahre her. Ich war gerade 20 geworden und mein Leben war im Arsch. Da war das Studium, das ich nach 3 Semestern abbrechen musste, da war meine Psychose ein halbes Jahr zuvor, die mich immer noch nicht losgelassen hatte, da war meine soziale Isolation, Vereinsamung, wie man das auch nennen mochte, da waren starke Neuroleptika, die bei mir so starke Nebenwirkungen zeigten, dass ich von Bekannten gefragt wurde, ob ich harte Drogen nehme. Da war eine Depression, die mein Leben in ein trostloses Licht tauchte, da war eine unsägliche Erschöpfung, Leere und Dauermüdigkeit. Da war die WG-Genossin, mit der es eskalierte, worauf ich auszog und ich wieder bei meinen Eltern landete. Als es mir immer schlechter ging, meine Hände zitterten als sei ich auf Entzug, ich kaum noch fähig war, ein Gespräch zu führen und nicht mehr als 3-4 Stunden am Stück wach sein mochte, kam ich in die Klinik. Die Geschichte dazu erzähle ich ein anderes Mal, aber irgendwann kam ich da auch wieder raus, und zwar in eine betreute Wohngruppe, nicht weit von meiner Familie. Da meine Mama nach wie vor depressiv war und auch der Rest des Systems eher problembelastet war, war mir das lieber. In den drei Monaten, in denen ich also in dieser WG wohnte, zusammen mit anderen Männern und Frauen mit psychischen Krankheiten, hab ich einiges gelernt. Zum Beispiel, dass man die Ecken der Schubladen des Nachttischchens mit Wattestäbchen reinigen musste, wenn Betreuer „Adolf“ die Zimmerreinigung kontrollierte. Oder, dass meine Zimmernachbarin wirklich labil war – sie versuchte in diesen 3 Monaten 2 mal, sich zu erhängen. Ich lernte, dass es mir gut tun kann, mit anderen Betroffenen zu reden und dass Sarkasmus etwas sehr wertvolles sein kann. Ich stellte fest, dass man offenbar auch Betreuerin werden kann, ohne eine entsprechende Ausbildung zu haben, einfach, weil man „selber schon vieles erlebt hat“. Ich lernte meine Abneigung gegenüber esoterischen Betreuerinnen erst so richtig kennen. Vor allem aber lernte ich eine Sache:

Als BewohnerIn einer betreuten WG ist man abhängig von den BetreuerInnen, und es gibt Betreuende, die diese Abhängigkeit ausnutzen.

Es war Sommer, und wir machten einen Ausflug. Es war sehr heiss, ich trug ein Top mit Spaghetti-Trägern und einen Minirock. Ich war wie erwähnt 20, und dachte mir nicht viel dazu. Als wir, die Betreuten und zwei Betreuer, in einem Café etwas tranken, hatte ich unter dem Tisch plötzlich eine Hand auf meinem nackten Knie. Ich dachte erst, dass sei ein Versehen, aber die Hand blieb da liegen. Neben mir sass „Adolf“, der Sozialpädagoge, verheiratet, zwei Kinder. Es war seine Hand. Gesagt hat er nichts, er liess seine patschige Hand einfach liegen. Ich war verstört, und das meine ich ernst, ich stand unter Schock. Ich getraute mich nicht, irgendwas zu sagen, ich getraute mich nicht, irgendwas zu machen. Wir sassen an diesem Tisch, assen ein Glace, die anderen redeten über irgend etwas, Adolfs Hand lag immer noch auf meinem nackten Bein, und ich war wie versteinert.

Mehr ist nicht passiert damals. Ich wurde nicht vergewaltigt, ich wurde nicht noch mal begrapscht. Irgendwann nahm ich allen Mut zusammen und stand auf und ging unter einem Vorwand weg.

Warum das immer noch in mir gärt? Weil ich damals hilfsbedürftig war, weil ich mich nicht wehren konnte. Weil ich es niemandem erzählt habe, weil mir eh niemand geglaubt hätte, mir, die ein paar Monate zuvor noch geglaubt hatte, dass der Film Matrix real war. Die ich Stimmen gehört und Dinge gesehen hatte, die nicht real waren.
Weil es ja „nicht so schlimm“ war, verglichen mit meinen anderen Erfahrungen sexueller Nötigung. Es war nur die Hand eines Betreuers auf meinem Bein unter einem Tisch. Aber, und das ist der Grund für diesen Artikel: Es war Missbrauch von Macht, es war Missbrauch von einem Abhängigkeitsverhältnis. Ich konnte mich nicht wehren, auch wenn ich das immer noch kaum glauben kann, dass ich das Arschloch nicht angeschrien habe, dass ich ihm nicht seine eklige Patschhand nicht weggeschlagen habe, dass ich ihm nicht mitten ins Gesicht gespuckt habe. Verdammt, ich konnte mich nicht wehren, damals.

Adolf, du Arschloch, ich hoffe, du schmorst in der Hölle.

Ein Gedanke zu “Hilflos.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s