Gute Tage, schlechte Tage.

Ich habe noch Mal nachgerechnet: Meine letzte Psychose liegt 1.5 Jahre zurück. Nicht 2.5 Jahre, wie ich manchmal behaupte. Dass ich dachte, sie liege ein Jahr länger zurück, muss daran liegen, dass so viel passiert ist in der Zwischenzeit und meine Krankheit im Moment nur einen kleinen Teil meines Lebens in Beschlag nimmt.

Dennoch: Auch ich habe gute und schlechte Tage. Wobei ich manchmal den Verdacht hege, dass die schlechten Tage nach einer gewissen Anzahl guter Tage automatisch folgen. Als Zeichen von Erschöpfung, als Zeichen von Alarm, dass ich meine Energiereserven zu grosszügig aufgebraucht habe. Als körperlicher Schutzmechanismus. Eine Art „das System wird jetzt sicherheitshalber heruntergefahren“, als „du läufst jetzt mit Notstrom“, „nur noch absolute Basisfunktionen verfügbar“.

An guten Tagen, oder, wie ich sie vielleicht gar nennen sollte, an „zu guten Tagen“, bin ich sehr aktiv. Ich besuche eine Weiterbildung am anderen Ende der Schweiz, treffe einen Haufen mir unbekannter Menschen, reise dann quer durchs Land an den Adventsmarkt meines Arbeitgebers, tauche dort ein in eine enorme Menschenmasse an Mitarbeitenden, SchülerInnen, Eltern, gehe zu jedem Stand, weil ich der Schülerschaft mein Interesse an ihren Werken zeigen will, führe viel zu viele Smalltalk-Gespräche, bereite nebenbei noch meine Präsentation für die Mitarbeitenden am nächsten Arbeitstag vor, setze mich schliesslich noch zum „gemütlichen Beisammensein“ der Mitabeitenden nach dem Markt dazu und entscheide gar, dass ich mit einigen der jüngeren Mitarbeitenden noch weiterziehe, in eine vollgestopfte Bar, trinke etwas zu viel und bin schliesslich gegen 2 Uhr früh zu Hause. Am nächsten Morgen um 08:30 klingelt mich meine Schwester zum Bett aus und wir begeben uns zur alljährlichen familiären Adventsbastelei zu meinen Eltern. An guten Tagen halte ich zweimal einen 90minütigen Vortrag vor Mitarbeitenden, esse mit allen Mitarbeitern im selben Raum zu Mittag, engagiere mich am Nachmittag an der internen Qualitätssicherung. An guten Tagen bin ich voller Elan bei der Arbeit mit den Kids und Teens, drehe Kurzfilme, erfinde Spiele, koche mit zwei Teenies, mache eine Freestyle-Einzellektion Mathe mit einem Schüler. An guten Tagen bin ich offen und kommunikativ, mache einen Haufen Sprüche und Witze.

An schlechten Tagen dagegen ist mein Hirn in Watte gepackt. Ich mag nicht reden, ich mag keine Witze reissen. Ich reagiere empfindlich auf Sprüche, ich bin still. Eine traurige Wolke hängt über mir, und ich habe keine Energie, keine Freude, keine Kraft. Ich habe grosse Schwierigkeiten, mich auch nur ansatzweise zu konzentrieren. Die weniger spassigen Tatsachen in meinem Leben wie der Umstand, dass mein Freund beruflich immer mehr abrutscht, von der IV unterstützt wird, von seinem Lohn fast nicht leben kann und einfach keine andere Stelle findet, nehmen mich in Beschlag. An schlechten Tagen fange ich beim Filmegucken an zu weinen, obwohl der Film nicht mal traurig ist. An schlechten Tagen bade ich die Überreizung der guten Tage aus.

Ich spüre mittlerweile meist bereits früh, wenn die Tage „zu gut“ waren oder zu viele gute Tage hinter mir liegen. Das macht sich mit diversen Symptomen bemerkbar, die ich jedoch nach wie vor zu oft unterdrücke oder zu verdrängen suche. Da wären:

Endlos-Schleifen im Kopf: Situationen, in denen ich mich „daneben“ oder „schräg“ benommen habe (in meinem Enpfinden, und mit mir selber bin ich in dieser Hinsicht streng), laufen in meinem Kopf immer und immer wieder ab und hinterlassen Schamgefühle.

Selbstgespräche: Ich kommentiere meine Gedanken (die Endlos-Schleifen, ohne Bezug zu der Situation, in der ich mich tatsächlich gerade befinde) mit Worten wie „hör auf“, „Stop!“ oder wiederhole laut Worte aus einem Gespräch, das in der Endlos-Schleife im Kopf abläuft. So kann es passieren, dass ich durch eine Einkaufsstrasse gehe und plötzlich vor mich hinmurmle „Fresse!“ Wenn die Kommentare englisch oder spanisch kommen, ist quasi dunkelrot (Psychose in Kanada, Psychose in Argentinien).

Pseudo-Schmerzen: Mir tun Körperteile weh, meist ein stechender oder pulsierender Schmerz, ohne dass ich einen Grund zu Schmerzen hätte. Oft in den Armen, besonders am Handgelenk, als hätte ich mich selber geschnitten (was ich nie gemacht habe in meinem ganzen Leben).

Mich kneifen, hauen, an den Haaren ziehen: Wenn die Erinnerungen in der Endlosschleife (manchmal auch Flashbacks in Psychose-Phasen) zu intensiv werden, hole ich mich oft instinktiv mit kurzen Schmerz-Reizen zurück in die Gegenwart. Ich kneife mich, schlage mir auf den Arm, knalle die Hand gegen die Wand, wenn es schlimm ist, ziehe ich mich an den Haaren. Ich mache das nicht bewusst, das passiert einfach. Wenn ich es merke, helfe ich oft mit Muskelanspannungen nach, die sind nicht ao auffällig. Ich hoffe nach solchen Aktionen immer extrem, dass das niemand gemerkt hat.

Abwesend sein: Ich kann dem, was mein Gegenüber mir erzählt, schlicht nicht folgen. Mein Kopf ist voll mit Endlos-Schleifen, endlosen Analysen meines Verhaltens oder dem verzweifelten Unterdrücken von Selbstgesprächen und dem Drang, mich an den Haaren zu ziehen.

Manchmal denke ich, ich bin wie die Menschen, die nach einem schnellen Ritt per Pferd auf den Boden sassen und warteten, damit die Seele Zeit hatte, nachzukommen. Soziale Situationen sind für mich anstrengend, selbst wenn sie total positiv waren. Ich brauche Zeit, um die Emotionen zu verarbeiten, die andere Menschen in mir auslösen können, oder um damit fertig zu werden, dass ich mich in meiner Wertung falsch verhalten habe oder etwas Dummes gesagt habe. Ich weiss nicht, warum ich mich immer so stark bewerten muss, oder warum ich überhaupt so viel darüber nachdenke, wie ich wohl wirke und wie blöd ich mich manchmal anstelle. Aber ändern kann ich es nicht.

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