Von ExpertInnen und Betroffenen.

Bestimmt habe ich meinen Beruf hier schon dermassen oft erwähnt, dass sich manche fragen werden, ob ich mir a) darauf dermassen etwas einbilde oder aber b) ohne ihn kein Leben habe.

Zu a): Was für „erfolgreiche“ Berufsleute, bzw. Menschen mit einer steilen Karriere in der Privatwirtschaft lachhaft klingen mag, nämlich, dass ich stolz darauf bin, Sozialpädagogin zu sein, hat durchaus seinen wahren Kern. Nicht, weil ich denke, dass dieser Beruf besser sei als andere, sondern ganz einfach darum, weil es für mich nicht einfach war, überhaupt eine Ausbildung zu machen und auch abzuschliessen. Dass ich das trotz einer happigen psychotischen Episode im letzten Ausbildungsjahr geschafft habe, darauf, ja, darauf bin ich stolz – eingebildet jedoch hoffentlich nicht.

Zu b): Doch, ich habe ein Leben abseits vom Job. Ehrlicherweise muss ich aber zugeben, dass für mich die letzte Krise, als ich nicht mehr glaubte, je wieder auf meinem Job arbeiten zu können, gerade auch deswegen sehr happig war. Keine Arbeit mehr zu haben, keinen Beruf mehr zu haben, das war für mich eine schlimme Zeit.

Eigentlich möchte ich hier aber auf etwas anderes eingehen: Dass ich also als Sozialpädagogin mit einer schizoid-affektiven Störung schon diverse junge Menschen mit psychischen Krankheiten betreut habe, bringt ein besonderes Spannungsfeld mit sich. „ExpertInnen vs. Betroffene“, hier im Bereich von psychischen Krankheiten, ist für mich das Schlagwort. Ein bisschen, und jetzt würden sich ein paar PsychiaterInnen, die mich über die Jahre zu therapieren versuchten, vor Spott ins Hemd machen, sollten sie das je lesen, aber egal, ein bisschen also bin ich beides.

Betroffen bin ich nicht nur ein bisschen, betroffen bin ich durch und durch. Man kann sagen, ich habe einschlägige Psychose-Erfahrung. Ich wurde zweimal psychotisch von Psychiatern aus der Schweiz von einem fremden Kontinent heimgeholt, ich hab im Wahn eine Hoteltür zerlegt, ich bin 5 Stockwerke an einem Rohbau hochgeklettert war im Knast und bin fast verhungert, ich kann mit Fug und Recht behaupten: Als Betroffene einer psychischen Krankheit bin ich total qualifiziert.

Egal, was man nun allgemein gesehen vom psychiatrischen Fachwissen von SozialpädagogInnen halten mag: Ich hab im Bereich „Psychische Auffälligkeit“ gearbeitet, eher unabsichtlich übrigens, aber ich hab junge Menschen mit Schizophrenie, Borderline, Depressionen etc. betreut. Ich hab mir in dieser Zeit durchaus einiges an Basis-Fachwissen zu den einzelnen Diagnosen angeeignet, auch wenn ich weiss, dass einige ÄrztInnen solches „Fachwissen“ nicht ernst nehmen. Ich kann lesen, ich kann Fachbegriffe nachschlagen, ich lerne gerne dazu. Dieses Wissen aus Büchern und Weiterbildungen ist das eine.

Das andere ist, dass ich wirklich junge Erwachsene durch eine psychotische Phase begleitet habe. Dass ich junge Erwachsene mit selbstverletzendem Verhalten begleitet habe, dass ich einmal nachts einen jungen suizidgefährdeten Mann von den Bahngleisen geholt habe. Dass ich psychosomatische Brech-Attacken einer jungen Frau begleitet habe, tagelang, nächtelang. Dass mir mehr als einmal eine junge Frau weinend ihren Rasierer brachte, nachdem sie sich verletzt hatte, und wollte, dass ich ihn für sie wegschliesse. Dass ich einen halluzionierenden Jugendlichen nachts immer wieder versuchte zu beruhigen, im Viertelstundetakt.

Diese beiden Ebenen, „Fachwissen“ und Erfahrung, führen dazu, dass ich mir anmasse, zumindest ein bisschen auch Expertin im Bereich psychische Krankheiten zu sein.

Die grosse Krux ist nun leider die, dass ich im beruflichen Umfeld nur auf dieses kleine „Expertenwissen“ zurückgreifen darf, wenn es darum geht, mich über eine Situation bzw. einen Menschen mit meinen KollegInnen auszutauschen. Mein Wissen als Betroffene, wie sich eine Reizüberflutung anfühlen kann, wäre beispielsweise eigentlich viel ergiebiger, als das, was ich darüber aus Büchern weiss. Leider kann ich diese persönlichen Erfahrungen nicht mitteilen. Ich würde, sollte ich meine eigene Krankheit offenlegen, nicht mehr ernst genommen („du projizierst da deine eigene Geschichte… du verhältst dich unprofessionell… du wechselst die Fronten!!…“) oder gar gefeuert – alles schon erlebt.

Das Traurige ist: Es ist so selten, dass „ExpertInnen“ von Betroffenen lernen, bzw. es ist so selten, dass Betroffene als „ExpertInnen“ angesehen werden.

Ich erinnere mich an eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich in meiner Ausbildung – quasi abseits vom eigentlichen Studienziel – aus erster Hand von einer Betroffenen etwas lernen konnte. Wir waren im Modul Sucht auf Institutionsbesuch in einer Einrichtung für Frauen mit Suchtproblematik. Da erklärte die anwesende Sozialpädagogin, am besten Auskunft geben zum Thema Sucht könne ja wohl eine ehemalige Bewohnerin, eine junge Frau, die daneben sass. Diese bemerkenswerte Frau erzählte uns Studis dann sehr offen und sachlich aus ihrem Leben, aus ihrer Abhängigkeit, aus ihrem Entzug, aus ihrem Leben in dieser Einrichtung, aus ihrem Leben heute. Am meisten Respekt hatte ich vor dieser Frau, als sie am Ende ihrer Erzählung freundlich fragte: „So, was möchtet ihr mich fragen?“ Dass sie dazu bereit war, sich von einer Horde junger Studenten mit Fragen löchern zu lassen, wirklich bewundernswert.

Wie wichtig solche Erläuterungen und Inputs von direkt Betroffenen sind, zeigt sich schon nur an der Tatsache, dass ich wirklich sehr vieles aus meiner theoretischen Ausbildung an der FH vergessen habe – diese Erfahrungen dieser ehemaligen Suchtpatientin jedoch, die sind mir immer noch sehr präsent.

Niemand, das möchte ich zum Schluss noch anfügen, niemand, der von einer Krankheit selber nicht betroffen ist, versteht wirklich, wie sich das anfühlt. KeineR der PsychiaterInnen, die mich je behandelt haben, können sich wirklich vorstellen, wie sich eine Psychose anfühlt.

Es ist eine traurige Tatsache, dass in den Hörsälen der medizinischen Fakultät keine Betroffenen als Dozenten anzutreffen sind. Es ist eine traurige Tatsache, dass Betroffene wie ich sich nicht wagen zu outen, aus Angst, den Job zu verlieren. Es ist eine traurige Tatsache, dass eigene Betroffenheit im Bereich psychische Krankheiten einen als „Experten“ nicht auf- sondern abwertet.

5 Gedanken zu “Von ExpertInnen und Betroffenen.

  1. Das ist der Vorteil von Peers, sie dürfen explizit über ihre Erfahrungen reden. Und sind dafür angestellt. Noch ist Peerarbeit erst am Anfang und vor allem im nicht-klinischen Bereich noch kaum praktiziert. Aus Sicht von Peers ist es wertvoll, wenn Betroffene Fachleute (und zu denen zählst du) so weit wie es hilfreich ist, sich zu ihren Erlebnissen bekennen. Das können auch normale Krisen sein. Denn von denen ist jeder einmal betroffen. Das ist nichts, was man von heute auf morgen einführen kann. Aber die Zeit wird kommen, und einzelne Fachleute sind jetzt schon mutiger als andere. Ein erster Schritt wäre, dass Mitarbeiter einer Institution sich für Recovery/Peerarbeit interessieren und auch Weiterbildungen in diesem Bereich absolvieren. Darüber sprechen, darüber nachdenken und dann schauen ob weitere Schritte möglich sind. Dein Spielraum ist begrenzt. Aber vielleicht ermutigt es dich, dass Veränderungen zumindest angedacht sind.

    • Hoi June
      Tut mir leid, dass meine Reaktion so lange gedauert hat. Ich kenne den Ansatz, den du beschreibst, noch nicht. Ich denke, in meinem aktuellen Arbeitsgebiet (Schulheim für Kinder und Jugendliche mit „sozialer Auffälligkeit“) ist das nicht möglich und vermutlich auch nicht sinnvoll. Ich denke nicht, dass meine Arbeit besser würde, wenn ich den SchülerInnen meine eigene Geschichte offenlegen würde. Das würde sie wohl nur verunsichern. Mein Anliegen wäre eher, dass ich meine Krankheit den Mitarbeitenden gegenüber nicht vertuschen müsste. Aber im Erwachsenen-Bereich denke ich schon, dass es sinnvoll sein kann, wenn Patienten auch Geschichten hören, wie jemand eine Krise oder eine Krankheitsphase gut überstanden haben. Und das passiert ja in einer psychiatrischen Klinik sehr selten, die Mitpatienten da sind ja gerade selber in einer Krise, und die Profis sind halt eben Profis und nicht selbst Betroffene. Ich finde auch, dass wohl alle Menschen spüren, ob das Gegenüber, in dem Fall also der Profi, sich selber auf die „gleiche Stufe“ stellen wie der Patient – oder eben nicht. Ich habe immer wieder gespürt, dass eine Betreuerin z.B. einen klaren Unterschied zwischen den Patienten-Menschen und den „gleichgestellten Menschen“ macht. Dass sich diese Person nicht im entferntesten vorstellen konnte, mit jemandem wie mir im selben Team zu arbeiten, mich als Bekannte, als Vereinsmitglied, als Mitglied eines politischen Komitees zu sehen. Der selbe Effekt sehe ich auch als „Fachperson“, wenn ich Mitarbeitende habe, bei denen ich sicher bin, dass für sie die Betreuten quasi „Menschen zweiter Klasse“ sind.

  2. Du sprichst ein wichtiges Thema an. Da ist es wieder, das Denken, es gäbe verschiedene Seiten. Experten und Betroffene. Dass aber jeder Mensch bloß Erfahrungen sammelt und durch willkürliche Umstände auf Wege gerät, die er sich zumindest zu Beginn nicht aussuchen konnte, wird vollkommen ignoriert. Dass Betroffene super Experten sein können, wird grundsätzlich fast immer verkannt. Ich bin auch Betroffene und weiß, dass ich extrem wichtige Kompetenzen eines Experten mitbringe. Ich weiß, dass ich damit arbeiten will. Wenn ich allerdings angebe, selber depressiv gewesen zu sein, wird meine Fähigkeit direkt angezweifelt. Labil und nicht belastbar. Dabei weiß ich, dass ich wesentlich besser für den soz. Bereich geeignet bin als Menschen, die sich distanzieren von ihrem Klientel. Ich habe übrigens auch schonmal nebenberuflich mit Kindern und Jugendlichen in Schulen gearbeitet und ihnen meine Lebensgeschichte erzählt. Und genau die war es dann, die sämtliche Türen geöffnet hat zu den Kids. Aber heute kann ich diese Arbeit in Bewerbungen garnicht angeben weil ich gefragt werde, was ich denn 1 jahr da gemacht habe, wenn ich doch keine Soz. Päd bin. Welche Berechtigung ich hatte, dort zu arbeiten. Und ich will eben nicht erzählen, ich bin selbst ehemaliger Betroffene von Depressionen, inklusiver schwieriger Lebensgeschichte. Das finde ich sehr schade und kann dich gut verstehen.

    • Das ist in der Tat sehr schade. In meiner Erfahrung sind im Berufsfeld Soziale Arbeit manchmal fast noch mehr Berührungsängste mit Menschen (Mitarbeitenden) mit psychischen Erkrankungen vorhanden als in anderen Branchen. Gerade weil man mehr weiss über Krankheiten, Diagnosen, Auffälligkeiten, sozialen Problemen etc. als andere Berufsgruppen wollen – so mein Empfinden – viele Sozpäds etc. nicht auf Mitarbeitende einlassen, die sowas mitbringen. „SozialpädagogInnen müssen psychisch enorm belastbar und fit sein“, war der Grundtenor meiner Ausbildung. Wer da von seinen eigenen psychischen Problemen erzählt hätte, hätte sich automatisch disqualifiziert für diesen Beruf.
      Ich wünsche dir dennoch viel Erfolg bei deinem Weg in diesen Beruf. Und vielleicht ändert sich auch im sozialen Bereich irgendwann die Grundhaltung gegenüber Mitarbeitenden, die offen zu ihrer Krankheit/ Vergangenheit stehen.

      • Wahrscheinlich ist die Unterteilung in psychische Probleme und normale auch nochmal eine wichtige Sache.
        Wenn man erzählt, ich kenne durchaus Phasen in denen ich melancholisch und traurig bin oder man sagt, ich leide unter Depressionen, das macht ja für einen AG nen riesen Unterschied.
        Aber letztendlich will kein AG Mitarbeiter einstellen, die psychische Probleme haben, behaupte ich. Klar gibt es geschützte Projekte und sowas in der Art aber letztendlich will jeder Chef zuverlässige Mitarbeiter.
        Ich glaube allerdings, dass besonders soziale Arbeitnehmer anfälliger sind für Erkrankungen psychischer Art, Empathie ist ein Risikofaktor, finde zumindest ich.
        Wahrscheinlich würde man einfach gerne so ein Mittelding haben, jeder macht schwere Phasen durch und kennt Traurigkeit. Wenn man das unzensiert am Arbeitsplatz erzählen kann, wäre das doch ein guter Anfang?!
        Ich für meinen Teil habe mich von dem Soz. Päd. Gedanken ersteinmal verabschiedet.

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