Status Quo.

Es ist Ende August, auf dem Kalender zumindest, die Vegetation spricht eine andere Sprache. Die beiden Obstbäumchen verlieren bereits die Blätter, die Herbstblumen beginnen, zu blühen. Ich habe das WG-Zimmer gekündigt, auf Ende Monat, wobei mir noch nicht ganz klar ist, was das nun heisst: Bedeutet das, ich zahle noch bis Ende September (Kündigungsfrist 1 Monat), oder bedeutet das, ich muss das Zimmer in einer Woche abgeben? Da die Mails zwischen mir und meiner Vermieterin nicht wirklich schlüssig sind, werde ich das am Dienstag in einem direkten Gespräch zu klären versuchen.

Es ist der Abschied von einer Lebensphase, die zwar schwierig und tränenreich war, aber eben doch wichtig, und manchmal auch lustig. Mit dem Mitbewohner und seiner Freundin habe ich oft Tränen gelacht, und daneben viele englische Gespräche über Europa, über die Schweiz, über Politik und Kultur geführt. Wir haben oft zusammen gekocht und zusammen gegessen. Die Vermieterin ist eine liebenswerte, mitfühlende und nette Frau Mitte Vierzig, sie hatte immer ein offenes Ohr für meine Beziehungsprobleme, sie schleifte mich mit in die Oper und schien mich wirklich zu mögen. „Ich bin traurig, dass du gehst“, sagte sie, „ich hatte dich richtig ins Herz geschlossen.“ Ja, das hatte ich sie auch.

Daneben geniesse ich es, wieder mehr Zeit zu Hause, in meinem richtigen Daheim zu verbringen. Die Kater scheinen erleichtert, sie sind wieder anhänglich wie eh und je, nachdem sie in der ganzen Krisenzeit oft verängstigt schienen und nur knapp zum Fressen auftauchten. Ich kann mich wieder um meine Pflanzen kümmern, und ich bin wieder mehr mit dem Haushalt beschäftigt.

Das wichtigste aber: Die ganzen Gespräche und auch die Streits, die Tränen, die Verzweiflung, die Leere zwischen uns, die Vorwürfe, die Ultimaten waren nicht umsonst. Es war hart, und es war schmerzhaft, und zwar nicht nur für meinen Freund, sondern auch für mich. Ich musste mich entscheiden, und ich musste ehrlich sein. Er hat mich gefragt, ob ich eine Schwäche habe für einen anderen Mann, und ich musste mit Ja antworten. Das hat unsere eh schon angeknackste Beziehung wirklich heftig aus den Fugen gehoben. Und ich musste mich entscheiden: Will ich mein Leben und meine Zukunft mit meinem Freund verbringen oder nicht? Ein Techtelmechtel mit dem Anderen kam für mich rational gesehen nie in Frage, die Frage war: Beziehung retten oder Trennung und alleine weiter gehen.

Ich habe mich für die Beziehung entschieden. Und dafür, dass ich weiter versuche, meinen depressiven Freund zu unterstützen. Er beweist mir regelmässig, dass es die richtige Entscheidung war. Er geht mit mir an die Chilbi und aufs Riesenrad, er geht mit mir ins Kino, er lässt sich zum Essen einladen. Er fuhr mit mir spontanerweise ans Meer und er bringt mich trotz allem zum Lachen. Er hat Ernst genommen, was ich ihm zum Thema „was wünsche ich mir in unserer Beziehung“ erzählt habe. Ich weiss, dass er eine schwere Zeit durch macht. Ich erwarte nicht jeden Tag Konfetti. Aber ich kann nicht lmonatelang zu Hause rumsitzen, weil er sich die Zeit nicht nehmen will, um wegzugehen, weil ihn das davon abhalten würde, den ganzen Tag lang Stellen zu suchen.

Er war jetzt 5 Wochen krank. Jeden Arbeitstag ist er mit mir (= 6 Uhr) aufgestanden und hat mir Frühstück gemacht. Morgen fängt er mit niedrigem Pensum wieder an. Ich bin nicht sicher, ob das wirklich was bringt. Die Zeit wird weisen, wie sein Weg aussieht.

Bis dahin geniesse ich die Zeit, die wir zusammen verbringen. Ich geniesse die Ruhe zu Hause, und ich geniesse es, endlich wieder zu wissen, was ich vom Leben will und wie es weitergehen soll. Ich habe ein schönes Leben, und das ist mir jetzt auch wieder bewusst.

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