Desorientierung.

Es geht mir gut im Moment. Seit gut 1.5 Jahren bin ich soweit „stabil“. Ich habe sehr gute Tage, akzeptable und schlechtere Tage, aber allesamt sind sie im grünen Bereich. „Symptomfrei“ bin ich dennoch nicht. Das war ich seit etwa 9 Jahren nie mehr. Aber das ist eigentlich kein Grund zum Jammern, der Mensch ist anpassungsfähig, man gewöhnt sich an das meiste.

Es geht mir wirklich gut, es gibt aber immer wieder Momente, in denen ich grosse Angst habe. Angst vor Desorientierung. Vor verloren sein, vor verlassen worden sein.

Am meisten passiert mir das beim Einkaufen mit meinem Freund. Gerade hier in Italien, wo wir unsere Ferien verbringen, in grösseren Supermärkten. „Ich suche mal Ketchup“, meint er und verschwindet im nächsten Gang. Ich mache mich sorglos auf die Suche nach Milch. Als ich zum Gang zurückgehe, in den mein Freund eingebogen ist, ist er nirgends zu sehen.

Was jetzt folgt, ist mir peinlich, und ich erzähle das normalerweise niemandem, schon gar nicht meinem Freund.

Als erstes schnellt mein Puls in die Höhe, und ich muss nach Luft schnappen. Dann legt sich die Angst um mein Herz, langsam, grausam, unaufhaltsam. „Er ist weg“, denke ich, „ich werde ihn nie mehr finden“, denke ich, „er hat mich alleine gelassen“, denke ich. Ich beginne, ihn zu suchen, Gang für Gang klappere ich ab, vergeblich. Am liebsten würde ich weinen, gleichzeitig gebe ich mir Mühe, mir meine Panik nicht anmerken zu lassen, denn „was denken sonst die Leute von mir!“ Häufig weiss ich dann auch nicht mehr, wo der Ausgang ist, oder wo das Auto steht, wo der Lift ist, wo die Rolltreppe ist.

Irgendwann finde ich ihn dann, vor dem Chips-Regal oder den Frischteigwaren oder vor der Kasse. Ich gebe mir dann jeweils grosse Mühe, mir meine Panikattacke nicht anmerken zu lassen.

Ich mag das nicht ab mir. Ich möchte stark und unabhängig und souverän sein. Ich will nicht so bedürftig und ängstlich sein, und überhaupt will ich nicht so abhängig von einem anderen Menschen, schon gar nicht von einem Mann sein. Leider kann man Emotionen nur begrenzt und nie vollständig durch Logik und Vernunft steuern.

In Argentinien bin ich mehrere Tage ohne Orientierung und völlig psychotisch herumgestreunert. Ich kam mehrmals irgendwo eingeschlossen zu mir. Ständig glaubte ich, irgendwen treffen zu müssen, auch meinen Freund, der auf der anderen Seite des Atlantiks war, fand diese Menschen aber nie. Ich wusste nicht mehr, wo ich bin, ich wusste nicht mehr, wer ich bin. Ich war ganz alleine.

Vielleicht ist das eine Erklärung, warum ich solche Angst habe, verlassen zu werden und die Orientierung (Kontrolle) völlig zu verlieren?

Als Kind hatte ich immer wieder den selben Traum. Ich war mit meiner Mama am Spazieren, als sie plötzlich immer schneller ging. Meine Beine waren zu kurz, um mit ihrem Tempo mitzuhalten, ich sprang so schnell ich konnte, aber sie entfernte sich immer schneller. Ich begann zu rufen:
„Mami!! Warte auf mich, Mami!!“ Doch sie hörte mich nicht und verschwand.

Meine Mutter war depressiv, als ich ein Kind und eine Jugendliche war. So ab 10 kümmerte sie sich nicht mehr wirklich um mich, sie war krank, und ich verwahrloste. Vielleicht rührt mein Hang zur Desorientierung auch von da?

Letztendlich spielt es wohl auch gar keine Rolle, warum mir das immer wieder passiert, auch als Erwachsene, auch in wirklich guten Zeiten. Es geht wohl eher darum, einen besseren Umgang zu finden.

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3 Gedanken zu “Desorientierung.

  1. Könnte meine Geschichte sein. Das mit dem „Allein sein“. So geht es mir auch, v.a. wenn ich mit meiner Tochter unterwegs bin. Sie genießt es inzwischen nicht mehr an meinem Rockzipfel zu kleben und ich gerate in Panik. Immer und immer wieder.
    Ja, der Umgang mit den eigenen „Macken“ (nicht böse gemeint) – das ist nicht so einfach. Aber wir arbeiten dran, gell!? LG desweges

    • Das tröstet 🙂 ich kann mir vorstellen, wie schwierig das mit einem Kind sein muss. Ich arbeite mit Kindern, und schon mehr als einmal ist mir eines dieser Kinder, gerade auch mit einer geistigen Behinderung, irgendwo in einem Geschäft „entwischt“, ausgebüxt. Ich habe alle diese Kinder wieder gefunden, aber der Schreck war immer gross.
      Lustigerweise bin ich weniger ängstlich, wenn ich alleine unterwegs bin. Habe ich niemanden, den ich verlieren kann, bin ich ruhiger.
      Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Geschichten fallen mir ein, wie ich bereits als Kind die Orientierung verlor, auf Schulreisen an einem Bahnhof vergessen wurde etc. In psychotischen Phasen nimmt diese angeborene Verwirrtheit natürlich enorm zu, was zu wirklich traumatisierenden Zuständen führt.

      Nicht zu wissen, wo man ist, wer man ist, wie man hier gelandet ist, das kann wahrlich verstören, das kann enorme Ängste auslösen.

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