Selbstfindungs-Shit.

Eigentlich dachte ich, das Thema „Identitätsfindung“ wäre abgeschlossen, und das schon seit mehreren Jahren. Gegen Ende Zwanzig hin hatte ich das Gefühl, endlich zu wissen, wer ich bin, was ich vom Leben will und welcher Lebensstil mich glücklich und zufrieden macht. Es war ein ruhiges, beschauliches Leben, für das ich mich entschieden hatte. Im Gegensatz zu jüngeren Jahren hatte ich die beruhigende Wirkung eines gewissen Trotts schätzen gelernt.

Seit mehreren Jahren lebte ich mit meinem Freund zusammen, ein ruhiger, stiller Typ, der seine Freizeit am liebsten zu Hause verbringt. Ich hatte angefangen, zu stricken, zu nähen, kochte meine Marmelade selber, verbrachte die meisten Wochenenden zu Hause, kümmerte mich um meine Pflanzen-Plantage und die Katzen. Ich war zufrieden damit, auch wenn ich manchmal Witze über meinen bünzligen Lebenswandel machte. Ab und zu traf ich mich mit einer meiner wenigen, dafür engen Freundinnen, und besuchte sicher alle zwei Wochen meine Familie, meine Eltern und meine Geschwister, oder lud sie zu mir nach Hause ein. Als ich Patin meiner Baby-Nichte wurde, nahm auch das einen hohen Stellebwert ein, ich besuchte sie, so oft ich konnte. Das Argentinien-Desaster warf mich enorm aus der Bahn, das zu verdauen, kostete mich mindestens ein Jahr. Aber: Meinen Lebensstil, den bewahrte ich mir, selbst in dieser schwierigen Zeit. Die Ruhe, welche diese Häuslichkeit mit sich bringt, tat mir gut, dieses einfache, beschauliche Leben irgendwo zwischen „für den Freund kochen“, „Socken stricken“, „Mama besuchen“ und „das Patenmädchen hüten“ gab mir den Halt, den ich damals brauchte.

Dann, vor über einem Jahr, konnte ich mir nach langer Arbeitsunfähigkeit wieder einen Job angeln. Der Druck und die Versagensängste waren hoch, besonders, weil ich meine Krankengeschichte geflissentlich verschwieg, aber es funktionierte tatsächlich, ich überstand die Probenzeit und wurde fest angestellt.

Dann ging es für mich wirklich wieder bergauf. Arbeit war mir immer wichtig, und auch wenn ich gelernt habe, wie verhängnisvoll es ist, sich ausschliesslich darüber zu definieren, so war es dennoch ein enormer Schub für meinen Selbstwert, wieder eine Stelle zu haben. Nicht nur das: Die Arbeit gefiel mir sehr schnell ausserordentlich, ich fühlte mich im positiven Sinn gefordert, konnte kreativ sein, konnte rasch vieles selbständig gestalten. Mein Ego trat einen Höhenflug an, ich blühte auf.

Soweit, so gut. Leider hatte diese selbstbewusste, produktive und engagierte Phase auch weniger angenehme Seiten. Diese führten dazu, dass ich im letzten Winter zunehmend unzufrieden wurde. Unzufrieden mit mir, mit meinem Lebensstil, mit meiner Beziehung. Anfang Jahr war ich soweit, dass ich sehr viel weinte, wenn ich zu Hause war. Meine ganze beschauliche, häusliche Blase erschien leer und fremd. „Bin das wirklich noch ich?!“, fragte ich mich oft. Und: „Werde ich nicht spätestens mit 40 das Gefühl haben, mein halbes Leben lang etwas verpasst zu haben?!“ Ich fühlte mich beengt, wie ein Vogel im Käfig, hatte das Gefühl, gebremst und „klein gehalten“ zu werden, von meinem Lebensstil, aber auch von meinem Freund. Das, was mir vorher Sicherheit und Halt geboten hatte, erschien plötzlich als Gefängnis für meine Selbstverwirklichung. Ich hatte das Gefühl, zu leben wie mit Ende 60, und das mit Anfang 30.

Lange Zeit hatte ich mir Kinder gewünscht, eine eigene Familie, und, wenn möglich, ein kleines Haus mit Garten. Jetzt war ich enorm froh, dass mein Freund dieses Projekt immer gebremst hatte. Ich wollte nicht mehr sesshaft werden und das nächste Level eines konservativen Lebenswandels erklimmen, statt dessen wünschte ich mir mehr Freiheit, mehr Abwechslung, mehr Aufregung, mehr Unbeschwertheit. Ich mochte samstags nicht mehr zu Hause vor dem TV sitzen und stricken, ich mochte nicht mehr jeden Abend die Probleme meines Freundes mit ihm ausdiskutieren, ich mochte nicht mehr kochen und putzen. Man könnte auch sagen, ich machte eine zweite Pubertät durch, lehnte mich gegen mein ruhiges Dasein auf, wollte mehr Party, mehr Exzesse, mehr Kontakte, mehr Leben im Moment.

Das umzusetzen, stellte sich als gar nicht so einfach heraus. Mein soziales Umfeld ist dafür nicht geeignet, meine Freundinnen und meine Schwestern leben ebenfalls eher ruhig, haben Kinder oder einen auslastenden Job. In der Folge veränderte ich meine Wohnsituation. Das brachte neue Bekanntschaften mit sich, und ich genoss das. Was ich weniger genoss, war die Tatsache, dass meine Beziehung unter dem Ganzen beträchtlich litt. Irgendwann schien eine Trennung unumgänglich. Wir haben uns dann auch wirklich getrennt, so zwei, drei Mal. Länger als einen Tag hielten wir das aber beide nicht aus.

Mittlerweile lebe ich wieder vornehmlich zu Hause, beim Freund. Die Bziehunsprobleme sind nicht verschwunden. Immer wieder führen wir Grundsatzdebatten, die uns beide viel Kraft kosten. Ich habe mich jedoch entschieden, bei ihm zu bleiben. Es bleibt zu viel Gutes, das es wert ist, darum zu kämpfen.

Ich habe wieder angefangen, mich den in meiner Selbstfindungs-Phase verschmähten Hobbies im Bereich Handarbeit zu widmen. Ich besuche wieder häufiger meine Familie, ich widme meinen Patenkindern wieder mehr Zeit. Vermutlich bin ich dabei, langsam wieder normal zu werden. Oder, wie meine Freundin es formuliert: „Du hast deine erste Midlife-Crisis hinter dir.“

2 Gedanken zu “Selbstfindungs-Shit.

  1. Auch wenn ein häusliches Leben oft als langweilig angesehen wird, liegt darin viel Kraft und Selbstbewusstsein dahinter.
    Nicht viele halten es mit sich und ihren Gedanken aus. Sie haben Angst etwas zu verpassen.
    Da der Mensch sich immer wieder verändert muss man sich leider auch immer wieder finden.

    • Du hast natürlich recht. Gerade, als ich noch jünger war, fühlte ich mich angenehm überrascht, wie erfüllend ein solch ruhiges, häusliches Leben sein kann. Ausserdem entlastet es vom Druck, immer und überall dabei sein zu müssen, mitreden zu können, dazu zu gehören. Ich fühlte mich in pseudo-hippen Clubs nie wohl, ich passte da nie hin. Ich hatte immer das Gefühl, mich verstellen zu müssen. Das muss ich jetzt nicht mehr. Wenn ich mich nicht wohl fühle, gehe ich einfach heim. Ich bin mittlerweile dermassen langweilig und uncool, dass ich mir das rausnehmen kann.
      Ja, man entwickelt sich weiter, man verändert sich. Ob man will oder nicht.

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