Die Sache mit dem Körper.

Wenn ich alte Fotos von mir ansehe, verstehe ich das nicht mehr wirklich, aber ich hatte als Teenager und auch als junge Erwachsene enorme Probleme, mich und mein Aussehen zu akzeptieren. Als Teenager ging ich hart durch die Mobbing-Hölle, nicht zuletzt, weil ich hässlich war. Ich trug grauenhafte Klamotten meiner älteren Brüder nach, ich hatte eine schreckliche Frisur, Akne und auch noch eine Zahnspange. Selbst als ich im Laufe meiner Auflehnungs-Phase meine Haare in bunten Farben färbte, aus Überzeugung zerrissene Jeans und später knappe Tops trug, ich mochte mein Aussehen nicht, ich hasste mein Gesicht, meine Augen, meine Figur, meinen gesamten Körper. Selbst mit Anfang Zwanzig hatte sich das nicht geändert. Ich fühlte mich fett, unförmig, klobig, ich hasste meine Haare, meine Brüste sowieso, ich konnte mein Gesicht kaum im Spiegel ertragen.

Dabei war ich damals wirklich schlank. Nicht zierlich gebaut, nicht von schmaler Statur, aber schlank und rank. Einer der vielen Psychiater in dieser Zeit fand meinen Hass auf mein Aussehen so merkwürdig, dass er mir immer wieder eine Ess-Störung unterjubeln wollte. Die hatte ich, bei allem Selbsthass, nie. Phasenweise ass ich wie ein Mähdrescher, in depressiven Zeiten dagegen wenig. Aber ich habe nie bewusst wenig gegessen oder gar gehungert. Ich war ganz einfach nie so zierlich und feminin, wie ich das gerne gewesen wäre. Ich habe kräftige Oberarme, breite Schultern und starke Oberschenkel. Dennoch, wenn ich Fotos von mir aus dieser Zeit sehe, bin ich immer verblüfft, wie gut ich damals aussah.

Warum habe ich mir damals bloss das Leben unnötig schwer gemacht? Da gibt es viele Gründe. Einer der wichtigsten war wohl, dass ich nie Erfolg bei Jungs hatte. Im besten Fall akzeptierten sie mich als trinkfesten Kumpel, als Sprücheklopferin, als unnahbare Kollegin. Ich weiss nicht, wie viele Gerüchte rumgingen, dass ich lesbisch sei, weil ich nie einen Freund hatte. Ich selber wäre irgendwann wirklich gerne lesbisch gewesen, wenn das meine Probleme mit Jungs gelöst hätte, verliebte mich aber statt dessen immer wieder unglücklich in Männer, die mich nicht wollten.

Ein anderer Grund, und der ist abgelutscht, ist wohl, dass ich nie aussah wie die „hübschen Mädchen“. Weder die realen noch die in den Zeitschriften. Verglichen mit den Size Zero Girls war ich ein grobschlächtiger Traktor.

Schliesslich hatte mein Selbsthass in Bezug auf meinen Körper wohl ganz viel mit meinem Selbsthass in Bezug auf meine Persönlichkeit zu tun. Ich empfand mich als „unweiblich“, als spröde, als schroff, als grob. Ich hatte praktisch gar kein Selbstbewusstsein mehr, in meiner Wahrnehmung machte ich alles falsch, sprach komisch, reagierte komisch, war rund um die Uhr unsicher und überfordert, konnte irgendwann nicht mal mehr Smalltalk betreiben, hatte ständig Angst, dass mich jemand anspricht und ich eine Antwort geben muss. Ich war ständig am Limit, konnte nicht mal mehr mit meinen wenigen Freunden oder meiner Familie ein entspanntes Gespräch führen. Ich vereinsamte dann auch grauenhaft.

Geändert hat mein Verhältnis zu mir selber und insebesondere zu meinem Körper dann im Laufe der Beziehung, die mit 21 begann. Ja, zu einem Mann. Auch wenn das wenig unabhängig und aufgeklärt klingt, die Tatsache, dass ich geliebt wurde, liess so einiges verheilen.

Heute, mit 31, bin ich nicht mehr annähernd so schlank wie mit 20. Ich habe Fettpolster, Falten und Dellen, mein Haar ist zahmer bzw. dünner geworden, und ich habe bereits die ersten grauen Haare entdeckt. Dennoch: Für mich, rein vom Empfinden her, sehe ich um Welten besser aus als vor über 10 Jahren. Ich bin bei mir angekommen, so esoterisch das auch klingt. Mein Leben ist nicht immer einfach, und Übermut habe ich zuletzt vor zwei Jahren bitter bezahlt. Aber ich weiss, wer ich bin, selbst in merkwürdigen „Selbstfindungs-Phasen“ wie im Moment. Ich habe nicht mehr Angst, dass ich verschwinde, wenn niemand anderes mich mehr definiert. Ich mag nicht alles an meinem Körper, aber es ist ok. Es passiert mir immer wieder, dass ich mich plötzlich in einem Spiegel sehe und überrascht bin, wie gut ich aussehe. Keine Bange, selbstverliebt bin ich höchstens in psychotischem Zustand, und nach wie vor sehe ich nicht aus wie die „hübschen Frauen“.

Ich sehe aus wie ich, ein klares Gesicht mit schmalen, wachen Augen. Ich bin nicht mehr wirklich schlank, dafür habe ich Kurven. Ich bin keine Schönheit, aber ich habe Charme.

Ich hoffe wirklich, dass dies jemand liest, der in diesem Prozess der Selbstakzeptanz noch weiter vorne steht. Und, dass ich ihr oder ihm Mut machen konnte.

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Ein Gedanke zu “Die Sache mit dem Körper.

  1. Egal was als ’schön‘ gilt, dass wichtigste ist dass man sich selbst mag und wenn man halt nicht dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entspricht.

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