„Psychisch kranke Menschen“.

Heute wurde in der Mittagspause eines dreitägigen Kurses, den ich besuche, rege über mich geredet. Allerdings war ich die einzige, der das bewusst war. „Weisst du, psychisch kranke Menschen…“ – zu dem Thema hatte jede und jeder was zu erzählen. Ob nun von der Bekannten mit Schizophrenie, die – Himmel, hilf! – tatsächlich Kinder in die Welt gesetzt hat („ich meine: Kinder!! Ausgerechnet!!“), die IV-Rentnerin mit Borderline, „das merkst du also, sobald du die siehst!“, die labile Arbeitskollegin („ständig krank, sage ich dir!“), der junge depressive Bekannte, der ausgerechnet eine „zu liebe“ Freundin hatte („ich sag dir, psychisch Kranke sollten auf keinen Fall einen zu lieben Partner haben, das ist Gift für die!“) – eine bunte Sammlung an Erfahrungen mit und Meinungen über psychisch kranke Menschen kam zusammen. Mein Beitrag in der Runde war, dass ich Erstaunensbekundungen wie „wirklich?!“, hin und wieder ein zustimmendes Nicken, ein anerkennendes „wow!“ oder ein schwer durchschaubares „Hmm“ ins Gespräch einflocht.

Warum ich meine psychisch kranken Karten nicht einfach auf den chronisch labilen Tisch legte? Das hat mehrere Gründe. Folgende sind für mich die wichtigsten:

1) Ich habe zuweilen einfach keinen Bock darauf. Meine Krankheit mag ich nicht jedem und jeder unter die Nase reiben. Ich weiss, dass das den Blick vieler Menschen auf mich verändert. Und das will ich nicht, zumindest nicht immer. Zudem muss ich dann immer sehr viel erklären und beschreiben, und zwar sehr persönliche Dinge. Ich mag nicht DAS Thema einer Gruppe sein, deren Mitglieder ich erst seit ein paar Stunden kenne.

2) Ich bin manchmal einfach neugierig. Das, was eine Person, die ich noch nicht gut kenne, über Menschen wie mich erzählt, ohne das zu wissen, gibt viel von ihr preis. Die plattesten, vorurteilsvollsten Sprüche entlarven die Sorte Menschen, die sich gerne als gebildet und tolerant geben. Würde ich mich outen, würden sie sich vorsichtiger ausdrücken oder das Thema wechseln. Weil ich es lasse, erkenne ich, wie sie wirklich über psychische Krankheiten und die Menschen dazu denken.

3) Mein Beruf und mein Ruf. Ja, ich bin Sozialpädagogin, und nein, ich stehe nicht (mehr) öffentlich zu meiner Krankheit. Ich lebe in einem kleinen Land, und jeder und jede kennt immer irgendwo irgendwen. Dass ausgerechnet eine „labile“ Person wie ich mit Menschen mit diversen Problemen arbeitet, dass also ausgerechnet eine „kranke“ Person anderen Menschen Stabilität, Sicherheit und Halt bieten sollte, sorgt immer wieder für grosses Aufsehen. Oder Kopfschütteln. Oder „Helfersyndrom“-Zuschreibungen. Es gibt wenige Menschen, die nicht automatisch denken, dass ich meinen Beruf nicht aus irgendwelchen merkwürdigen selbst-therapeutischen Gründen gewählt habe. „Ausgerechnet Sozialpädagogin, da muss ja eine spezielle Absicht dahinter stecken.“ Dass ich diesen Beruf gewählt habe, weil er mir einfach Spass macht und weil ich das Gefühl habe, dass ich diese Arbeit gut mache, nehmen mir viele nicht mehr ab, wenn sie meine Diagnose kennen.

Manchmal denke ich, ich sollte offensiver von meiner Krankheit erzählen. Um Vorurteile zu hinterfragen, um an mir zu zeigen, dass es auch Menschen gibt, die ein mehr oder weniger normales Leben führen können. Die einer bezahlten Arbeit nachgehen, Steuern bezahlen, ein soziales Netz haben oder gar in einer Beziehung leben. Aber manchmal finde ich auch, das geht ganz einfach nicht jeden was an. Und nie lernt man Menschen so echt kennen, wie wenn sie über einen reden, ohne dass sie das wissen.

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12 Gedanken zu “„Psychisch kranke Menschen“.

  1. Toller Text! Ja, das kann ich nur unterstreichen. Psychisch krank ist sowas von stigmatsiert. Und auch bei Fachpersonal. Das habe ich am eigenen Leib erfahren.
    Ich bin auch recht offen mit meiner psychischen Erkrankug umgegangen. Zur Depression stehe ich offener, wie zu Borderline. Nicht weil ich nicht zu beidem stehe – es akzeptiere, nein, weil Borderline m.E. noch stigmatisierter ist wie Depression.
    Auch ich arbeite mit z.T. psychisch kranken Menschen. Mir tut es gut. Ich kann sie oft sehr gut verstehen. Und ich finde ich habe oft einen sehr guten Draht zu ihnen.
    Das Arbeiten, Familie und Haushalt unter einen Hut zu bekommen ist nicht immer einfach. Es kostet sehr viel Kraft, aber auch ich bin gut in das Leben integriert und hole mir eben Hilfe wo ich sie brauche. Danke für den Artikel ❤ LG desweges

    • Danke schön! Sorry, dass ich den Kommentar erst jetzt freischalte – ich bin leider noch nicht so versiert mit der ganzen WordPress-Sache. Ich habe deinen Kommentar erst jetzt gesehen.
      Ja, es gibt verschiedene Levels von Stigmatisierung, je nach Diagnose, finde ich. Ich erzähle mittlerweile im beruflichen Umfeld auch etwas von Depressionen, wenn ich denn „gezwungen“ werde, mich zu meinem Lebenslauf genauer Auskunft zu geben. Depressionen hatte ich ja auch, häufig nach den Psychosen. Halluzinationen, Stimmen hören, Paranoia, das sind die Sachen, in meinem Fall, die für viele dermassen ausserhalb der Norm laufen, dass sie Angst machen, dass sie oft auch nicht mehr als „psychisch krank“, sondern als „irre“, „durchgeknallt“, „wahnsinnig“, „geisteskrank“ bezeichnet werden (letzteres z.B. offiziell vom Kanton Solothurn auf dem Antragsfomular für den Lernfahrausweis). Ich weiss ja auch nicht, was ICH von Menschen mit diesen Symptomen halten oder wie ich sie bezeichnen würde, wenn ich selber nicht davon betroffen wäre.

      Weisst du, wenn ich ehrlich über meine Eignung für meinen Beruf nachdenke, dann ist ja schon offensichtlich, dass ich mir ein erhöhtes Einfühlungsvermögen anrechne, wenn es darum geht, einen jungen psychotischen Mann einzuschätzen. Ich halte mich für empathisch, und ich denke, dass ich eine recht gute Menschenkenntnis mitbringe, eine bessere zumindest als einige andere mit meiner Ausbildung. Ob das nun aber an meiner Krankheit oder meiner Lebenserfahrung zu tun hat oder ob das einfach zu meiner Persönlichkeit gehört – das kann wohl niemand wirklich trennen.

      Letztendlich finde ich, dass ich mich nicht für meine Krankheit rechtfertigen müssen sollte, solange meine Arbeitsleistung stimmt. Solange ich für meinen Arbeitgeber professionell und kompetent handle, kann es ihm – tschuldigung – scheissegal sein, dass ich bereits mehrere Psychiatrieaufenthalte hinter mir habe.
      Manchmal denke ich, ausgerechnet in der sozialen Arbeit oder im Pflegebereich werden psychisch kranke MitarbeiterInnen noch mehr stigmatisiert als in anderen Fachbereichen. Aber das ist nur so ein Gefühl.
      Alles Liebe, My

      • Ja, du hast Recht. es ist nicht nur ein Gefühl das du hast wegen der Stigmatsierung. Es ist auch so! Habe ich selbst auch schon erlebt. Man arbeitet für psychisch kranke, macht die Arbeit gut und von Kollegen wird man behandelt… das ist echt krass.

        LG desweges

      • Vielleicht macht es Mitarbeitenden Angst, dass Menschen wie ihre Patienten plötzlich „auf gleicher Augenhöhe“ sind?! Weil sie die Patienten gerne auf einem „tieferen Level“, in einer ganz anderen Gesellschaftsschicht als sich selber sehen?… Ketzerisch, ich weiss, aber genau das Gefühl hatte ich damals, als ich den Job verlor…

      • Ja, das könnte sein. Zu sehen, das man arbeiten kann. Zu sehen, das man gut klar kommt und das mit psychischer Erkrankung. Zu sehen, das man von den Patienten gemocht wird. Zu sehen, das man Interesse an Fortbildungen hat…. Ja das könnte stimmen.
        Trotzdem finde ich dieses bewerten und verurteilen total schrecklich. Keiner weiß wieso man das hat. Sicher schreit man nicht freiwillig hier.

  2. Hallo!
    Bin zufällig, durch *desweges* auf deinem Blog gelandet!
    Toller Beitrag! Dazu kann ich dir nur sagen, Die meißten Menschen sind Affen!
    Sie labern alles nach anstatt sich selber ein Blid zu machen. Sie nehmen den einfachsten Weg um sich ihr Weltbild zu formen, und DAS im 21. Jahrhundert!!!
    Zitat von Julia Engelmann: „Wer andere ausgrenzt, grenzt sich selber ein. Wer andere schwach macht glaubt nicht stark zu sein!“
    http://selmataylor.wordpress.com/2014/06/12/stille-wasser-sind-attraktiv-julia-engelmann/
    Ich glaube, niemand ist gefeit vor Vorurteitein, auch ich nicht und sicher hast du selber dich auch schonmal dabei erwischt. Doch ein guter Charakter kann sich seinen Irrtum eingestehen, ein Schwätzer wird ihn nicht einmal bemerken.
    Ich finde es gut, dass du mit deiner Störung nicht „hausieren“ gehst.
    Schließlich kannst du dich so auch ein Stück weit schützen. Meiner Erfahrung nach, liebt es der Mopp, das „schwache Glied“ zu kennen, das sie leicht zum „Sündenbock“ erklären können.
    Das Verhalten mancher Personen hatte sich mir gegenüber schon verändert, weil ich ihenen erzählt hatte, das ich ADS habe.
    Hier greift wieder die alte Tugend. Reden ist Silber, schweigen ist Gold! 😉
    Liebe Grüße, Selma

    • Hoi Selma, willkommen auf meinem Blog. Generell ist es wohl so, dass viele Menschen Angst haben vor dem Unbekannten. Menschen, die anders sind als die Norm, Menschen, die die Kontrolle über ihr Denken, ihre Wahrnehmung, ihre Emotionen und auch über ihr Handeln verloren haben, sind für viele einfach nur beängstigend, denke ich. Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung wachsen meist auf einem Fundament aus Angst. Damit will ich nichts rechtfertigen und niemanden entschuldigen. Aber vielleicht, so zumindest meine Vision, kann ich irgendwann einigen Menschen die Angst vor meiner Krankheit nehmen, einfach nur, weil sie mich kennen und hoffentlich als „nicht beängstigend“ einstufen. Aber bis dahin ist ein weiter Weg, und momentan, als Abeitsnehmerin, ist es nicht meine Absicht, zu meiner Krankheit öffentlich zu stehen.

      • Das hast du sehr schön beschrieben!
        Besser kann man es gar nicht sagen.
        Das beste Beispiel hierfür ist, Rasismus! Kling im ersten Moment seltsam, ist aber so!
        Ich wohne in einem Hochhaus, Multi Kulti. Kaum jemand den ich kenne würde hier her ziehen, weil sie die „Gestalten“ vor der Tür „beängstigend“ finden. Ich sage dann immer, DAS sind die Jungs, die mir IMMER mit dem Kinderwagen, die Treppe hochgeholfen haben, wo Landsleute an mir vorbei gehuscht sind, um bloss alleine den Aufzug zu erwischen!
        Die Angst vor dem Unbekannten ist Grenzenlos und die Faulheit und die Bequemlichkeit
        sich dem zu stellen und den Blickwinkel zu ändern eben so!
        Manchmal ekelt mich diese Borniertheit regelrecht an!
        Schön, dass es Menschen gibt die คภ๔єгร sind!
        Schön, dass es Menschen gibt, die trotz oder so gar wegen ihrer labilien Spyche,
        den Mut und die Kraft haben, sich zu erheben und über den Tellerrand sehen.
        Mach weiter so… Du bist echt Klasse!!!

      • Danke, das ist sehr nett von dir. Ja, ich finde, das hat total viel Ähnlichkeit mit dem Thema Rassismus. Oder anderen Formen der Ausgrenzung wie Homophobie etc. Alles Liebe, My

  3. Grade erst den Artikel gefunden.
    Und muss sagen ich finde es schade das es immer weniger Menschen gibt die anderen den Rücken stärken!
    Wenn man feststellt das der neue Partner psychisch instabil ist dann wird er eher schnell fallen gelassen anstatt das man ihn so nimmt wie er ist und ihm hilft an seinen Problemen zu arbeiten.
    Mein Partner hat manchmal sehr schlimme Wutanfälle, weil er sehr große Angst hat mich zu verlieren, das er mich sich mit allen Mitteln fernhalten will weil er der Meinung ist das es besser wäre für mich.

    Ich liebe diesen Mann aber unglaublich und weiß das man das in den Griff bekommen kann. Ja es gab wirklich die eine oder andere Eskapade und es ist nicht immer einfach aber ich weis das selbst wenn ich in seinen Anfällen mal was habe dann wäre er für mich da.
    Diese Menschen haben genauso viel Liebe verdient wie „Normale“ wenn nicht sogar mehr.

    Wobei Normal schon heutzutage nicht mehr wirklich möglich ist weil jeder Mensch irgendwas mit sich run tragen muss!

    Ganz großen Respekt an dich! Respekt daran das du an dir arbeitest und das machst was dir gut tut!

    • Vermutlich ist das so, dass man als Mensch mit einer chronischen Krabkheit schneller „aussortiert“ wird als ein gesunder Mensch. In meinem Fall war es anders, denn ich habe meinem Freund von Anfang an von meiner schizoiden Störung erzählt. Er liess sich davon nicht abschrecken, richtig verstanden, was das bedeuten kann, hat er dann allerdings erst 3 Jahre später, als ich psychotisch wurde. Dass er selbst dann bei mir blieb, rechne ich ihm hoch an. Er hat viel durchmachen müssen meinetwegen in den letzten 11 Jahren.
      Ich wünsche dir, dass dein Partner ebenfalls an sich arbeiten kann und euer Zusammenleben viele glückliche und harmonische Momente mit sich bringt.

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