Die Psychologin.

In meiner Krankheitsgeschichte traf ich, wie wohl die meisten mit einer chronischen Krankheit, auf diverse Exemplare aus der Gattung TherapeutInnen, PsychiaterInnen und PsychologInnen. Ich will euch hier nicht mit einer detaillierten Abhandlung über die schwarzen, weissen und grauen Schafe dieses Berufsspektrums langweilen (noch nicht! 😛 ). Ich will nur kurz von meiner aktuellen Psychologin erzählen.

Sie ist in meinem Alter, vielleicht ein paar Jahre älter. Sie hat ein Kind, ist seit kurzem verheiratet und ist sehr gesprächig. Wann immer sie einen interessanten Fachartikel oder ein neues Fachbuch gelesen hat, lässt sie mich an ihrem Wissen gerne teilhaben. Manchmal beschleicht mich der leise Verdacht, dass sie ihre Sitzungen total geniesst, weil ihr endlich jemand zuhört. Ich meine das nicht despektierlich, aber ich kann mir vorstellen, dass ihre kleinkindliche Tochter ihren Ausführungen zur Schema-Therapie noch nicht ganz folgen kann, oder aber eher unqualifizierte Kommentare zu selbigen äussert. Ihren Mann kenne ich, wie es der Zufall will, ebenfalls, sie hatte mich einst an ihn verwiesen, als es um einen Spezialisten zum Thema Psychopharmaka und Schwangerschaft ging (nein, ich bin nicht schwanger, danke der Nachfrage). Sie kenne da einen, meinte sie damals aufgeregt, eine echte Koryphäe! Da der (ganz bestimmt wirklich sehr kompetente Facharzt) einen durchaus exotischen Namen zu eigen hatte und sie mir kurz darauf ankündigte, dass sie, aufgrund Heirat, ihren Namen in eben diesen ändere, fragte ich (wie es sich für eine paranoide Patientin gehört), ziemlich verblüfft, ob diese Koryphäe und ihr künfitger Ehegatte denn etwa ein und die selbe Person seien – sie nickte, mit geröteten Wangen; ich dagegen staunte nicht schlecht.

Meine Psychologin also, die spricht sehr gerne und sehr viel, und sie ist die einzige ihrer Gattung, die ich kenne, welche regelmässig überzieht. In den letzten zehn Minuten, also den zehn Minuten, die sie überzieht, erzählt sie mir meistens von ihren fachlichen Erkenntnissen, und ich nicke, lächle, und höre geduldig zu. Es mag ja auch sein, dass die Frau nicht nur geniesst, dass sie gerade ein Gegenüber hat, dass schon mehr als Zwei-Wort-Sätze formulieren kann, nein, vielleicht denkt sie auch, dass mich die Neuerungen in der Psychotherapie aufgrund meines eigenen Berufes interessieren. Bin ich doch Feld-, Wald- und Wiesenpädagogin, oder doch zumindest ausgebildete Sozialpädagogin, und mit einigen der unzähligen Fachbegriffe, die da in diesen zehn Minuten auf mich einprasseln, sogar vertraut. Es kommt ja auch vor, dass mir interessiert, was sie da erzählt, und ansonsten halte ich es wie die Queen und nicke, lächle und winke – mit meiner Uhr, wenn ich dann wirklich gehen will.

Meine Psychologin, die ist vielleicht nicht perfekt, aber sie konnte mir durchaus auch schon Ordnung und Ruhe vermitteln, in Situationen, in denen mein Kopf im Chaos versank. Sie glaubt fest an mich, und sie ist überzeugt, dass ich auch meine kriselnde Beziehung wieder hinbekomme. Sie findet meinen Freund super, ohne ihn je getroffen zu haben, und ist sicher, dass er die Kurve kriegt. Und, das wichtigste: Sie besitzt Humor.

Und wenn ich bei der Anreise zur Sitzung nicht weiss, worüber ich mit ihr sprechen soll, kann ich zumindest sicher sein, dass mich keine Stunde unangenehmen Schweigens erwartet.

2 Gedanken zu “Die Psychologin.

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