Die Liebe, Teil I.

Ich war 21, als wir uns kennen gelernt haben. Zu dem Zeitpunkt hatte ich meine erste fette Psychose hinter mir, die ausgerechnet auf der anderen Seite des Atlantiks zugeschlagen hatte, ich hatte einen Aufenthalt in einer kanadischen Psychiatrie samt Fixierung und Gummizelle hinter mir, ich hatte ein Studium abgebrochen, war später in meinem Heimatkanton 6 Wochen stationär untergebracht, hatte mich auf eine ambulante Therapie und Psychopharmaka eingelassen und schliesslich ein Vorpraktikum in einer Behinderteninstitution abgeschlossen. Nicht nur das, ich hatte mir sogar einen Studienplatz an einer Fachhochschule gesichert, und dank meiner Chefin, die fest an mich glaubte, auch einen Ausbildungsplatz bzw. eine 60% Stelle in der selben Institution erhalten. Ich wusste, dass ich meine berufsbegleitende Ausbildung zur Sozialpädagogin starten konnte, mein Leben hatte nach einem gewaltigen Tiefschlag wieder Auftrieb, bzw., in meinem damaligen Empfinden, ich fing wieder neu an, startete ein neues Leben.

Ich hatte zuvor nur wenige Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gesammelt. Die Jungs, die mir gefielen, denen gefiel ich nicht, und meine immense Lebenskrise überdeckte zwischen 18 und 21 so ziemlich alles andere völlig. Mit 21 also, da beschloss ich nach einer weiteren amourösen Enttäuschung, musste ich mir dringend mal einen Freund zulegen. Auf Anraten meiner besten Freundin überwand ich also meine Vorurteile und erstellte mir ein Profil im Internet, auf einer dieser unzähligen Single-Plattformen. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Ich erhielt eine gefühlte Million Anfragen von bindungs- oder doch zumindest kopulationswilligen Männern, die meisten ziemlich älter und in meinem Empfinden in irgendeiner Form merkwürdig. Einer war in meinem Alter und sah gut aus, blonde kurze Haare, ein nettes Gesicht, zwei weitere kamen ebenfalls in Frage. Der blonde war von Anfang an enorm hartnäckig, er schrieb immer gleich zurück und wollte mich unbedingt so schnell als möglich treffen – einer der anderen beiden schien fast noch interessanter, meldete sich aber bald nicht mehr. Der Dritte wollte sich ebenfalls mit mir treffen, und so hatte ich in der selben Woche zwei Blinddates, die ersten und letzten meines Lebens. Der Blonde ging mit mir ins Kino und was trinken. Er schien nett, sah sogar besser aus als auf dem Foto, war aber unheimlich nervös. Der Dunkelhaarige wirkte sehr entspannt, was allerdings durchs Kiffen bedingt war, wie mir bereits beim Dessert klar wurde, und er war nicht bereit, auch nur 5 Rappen Trinkgeld liegen zu lassen. Ich beschloss, dass ich mir keinen geizigen Kiffer als Freund zulegen wollte und liess mich vom Blonden zu einem zweiten Treffen überreden.
Wir gingen Schlittschuhlaufen, und erneut war er nett, zuvorkommend, höflich, aufmerksam. Es kam zu einem dritten und schliesslich vierten Date, dazwischen schickte er mir Blumen in die WG. Ich hatte noch nie, NOCH NIE von einem Mann Blumen gekriegt und wurde langsam weich. Beim vierten Date, zwei Wochen nach dem ersten, ging ich zu ihm nach Hause und es ging zur Sache. Rückblickend hat er spätestens da entschieden, dass ich jetzt seine Freundin war. Mir war das Ganze nicht so geheuer, aber es war eine nette Abwechslung in meinem Leben, und ich beschloss, das jetzt einfach mal zu geniessen, dass mich ein Typ so sehr zu mögen schien. Eigentlich dachte ich auch, dass er wohl vor allem in den Umstand verliebt war, dass er jetzt eine Freundin hat, mehr, als wirklich in meine Person. So nach 3 Monaten, dachte ich, würde ich das wieder beenden.

Tja. Es kam anders. Er überredete mich zu gemeinsamen Ferien, schon nach zwei Monaten, und ich ging mit. Ich lernte zunehmend seinen Humor kennen und schätzen. Meine ganze Krankengeschichte mit Halluzinationen und Psychopharmaka nahm er ruhig zur Kenntnis, und meinte nur, das sei ihm egal, er möge mich, bzw., bereits kurz darauf, er liebe mich. Ich konnte ihm alles erzählen, er wollte meine Familie kennen lernen, er war immer da. Wenn ich Panikattacken hatte, oft nachts, ging er kurzerhand mit mir joggen, solange, bis sich meine Anspannung wieder löste. Wenn ich, geschüttelt durch die Erinnerungen an die Psychose, nur noch heulte, ohne einen triftigen Grund nennen zu können, beruhigte er mich, bis ich wieder Bodenhaftung hatte.

Irgendwann waren die drei Monate um, und ich wollte nicht mehr gehen. Meine Flashbacks wurden weniger, meine Albträume auch, und ich lebte richtig auf. Ich war nicht mehr das krisengeschüttelte Häufchen Elend, ich entwickelte ein gesundes Selbstvertrauen in mich und meine Stärken. Ich verlor einen grossen Anteil Selbsthass, und ich konnte meinen Körper und mein Aussehen zum ersten Mal akzeptieren. Dass ich plötzlich einen gutherzigen, sanften und attraktiven Mann an meiner Seite hatte, der mir immer wieder versicherte, ich sei die Liebe seines Lebens, reparierte vieles in mir, das ich als endgültig kaputt eingestuft hatte. Ich bekam Freude an Mode, an gutem Essen, an Musik. Ich glaubte nicht mehr, dass die Welt grundsätzlich schlecht und die Menschen per se böse seien. Und im Gegensatz zu meiner grauenhaften Teenager-Zeit, wo ich aufs gröbste gemobbt und ausgegrenzt wurde, entwickelte ich zunehmend ein Gefühl von Dazugehörigkeit, empfand mich als Bestandteil der Gesellschaft, als „normal“, als wertvoll.

Später sagte ich ihm oft, „du hast mein Leben gerettet“, und ich denke auch heute noch, dass das tatsächlich so war.

Ein Gedanke zu “Die Liebe, Teil I.

  1. dein Text hat mich so berührt…mir kamen fast die Tränen und auch ich kann mich so gut mit deiner Situation identifizieren.

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