Die netten Tabletten.

Zu akzeptieren, dass ich tagtäglich Medikamente einnehmen muss, um ein annähernd normales Leben führen zu können, hat mich mehrere Jahre gekostet. Legendär war der Absetzungsversuch vor 7 Jahren, als ich die Therapie bei der Psychiaterin des Grauens abbrach und 5 Jahren nach meiner ersten und bis dahin einzigen offiziellen Psychose beschloss, dass ich die tägliche Chemiezufuhr nicht mehr benötige. 3 Monate ging es ab da, bis ich mich mitten in einer saftigen Psychose wiederfand. Fast hätte mich dieser Versuch meinen Abschluss gekostet, befand ich mich doch damals im letzten meiner 4 Jahre an der FH, und auch meine 60% Stelle als Sozialpädagogin in Ausbildung stand durchaus in Frage. Mit letzter Kraft und viel Goodwill meiner damaligen Chefin schaffte ich all das dann doch noch, und ein Jahr später hatte ich mein Diplom und ein überschwängliches Arbeitszeugnis in der Tasche. Seither habe ich nie, ich wiederhole, NIE mehr versucht, eigenmächtig Medikamente abzusetzen. Seit fast drei Jahren nehme ich Seroquel, jeden Tag, was meine Psychose in Argentinien leider nicht verhindern mochte. Seit dieser Geschichte, die ich nur knapp überlebt habe, nehme ich allerdings die doppelte Dosis ein.

Ich weiss, dass es Menschen mit meiner Diagnose gibt, die sich gegen Medikamente wehren, die vielleicht auch wirklich ohne leben können. Ich kann das nicht, und ich werde es nie können. Ich werde bis an mein Lebensende Psychopharmaka schlucken müssen. Das habe ich, wie erwähnt, schon lange akzeptiert.

Leider glaubt das ein grosser Teil meines persönlichen Umfelds offenbar nicht. Vermelde ich, dass es mir nicht so gut gehe, oder, wie ich das meistens ausdrücke, dass ich „neben der Spur“ laufe, ist die unvermeidliche erste, panische Frage stets: „Hast du deine Medikamente nicht genommen?!“ Wenn ich äussere, dass ich mich irgendwie verändert habe, kommt prompt die Frage „hast du deine Medikamente umgestellt?!“ Und bin ich mal wieder zu offen und lasse einen Spruch fallen wie „so oft bin ich mir nicht sicher, ob ich die Tabletten nun geschluckt habe oder nicht“, folgt ein Vortrag zum Thema Dosett, wird hektisch herumgefragt, wo man die kaufen könne oder ob wer noch eines zu Hause habe, das ich nutzen könnte. Meine Erwiederung, dass ich selber so eines besitze, jedoch nicht benutze, verhallt ungehört, und ich kann die Familienmitglieder nur schwer davon abhalten, mir eines in meine Tasche zu stecken. „Denkst du, du seist zu cool für sowas?!“, sind dann die sarkastischen Kommentare, und auch „du hast es OFFENSICHTLICH nicht im Griff!!“. Ich mag mich nicht verteidigen, ehrlich gesagt, ich gehe auf sowas gar nicht mehr ein. In den letzten 7 Jahren habe ich, abgesehen von den Tagen, in denen ich in Argentinien psychotisch herumstreunerte, vielleicht zwei, dreimal meine Tabletten wirklich nicht genommen. Ich habe mein eigenes System, wie ich daran denke. Es kommt vielleicht ein paar Mal vor, dass ich sie später einnehme als geplant, weil ich ja wirklich manchmal nicht gut organisiert bin und aufgrund eines spontanen (ok, manchmal auch geplanten) längeren Aufenthaltes irgendwo weg von zu Hause keine Tabletten dabei habe. Und es kommt manchmal vor, dass ich rätselnd im Bad stehe und mich frage, ob ich sie nun geschluckt habe oder ob ich das nur geplant hatte. In den allermeisten Fällen fällt es mir aber wieder ein, und im Zweifelsfall schlucke ich sie nochmals. Lieber mal die doppelte Dosis als gar keine.

Ich bin 31, seit ich 19 bin, schlucke ich Psychopharmaka. Der erwähnte Absetzungsversuch mit 24 blieb, wie erwähnt, der einzige. Meiner Meinung nach bin ich genug alt, genug erfahren und genügend zurechnungsfähig, dass mein Umfeld mir zutrauen kann, dass ich diese persönliche Angelegenheit alleine meistern kann. Ich mag nicht bevormundet werden, auch wenn ich weiss, dass dies aus Angst um mich und meine Gesundheit geschieht, und auch, wenn offensichtlich ist, dass meine Familie und meine Freunde mit mir schon einiges durchmachen mussten – und mehr als einmal um mein Leben bangten. Dennoch, ich bin kein Kind mehr, und ich kenne mich mit meinen Medikamenten ganz sicher besser aus als sämtliche Familienmitglieder zusammen.

10 Gedanken zu “Die netten Tabletten.

  1. Kannst du mir etwas zu deinem Beruf sagen? Auch ich will Pädagogik studieren… in welcheRichtung ich gehen will weiß ich noch nicht..aber evtl sogar Sozialpädagogik

    • 😉 schau, das ist je nach Region sehr unterschiedlich. Ich lebe in der Schweiz, da ist das bestimmt anders als in Deutschland, und da ist es wohl anders als in Österreich.
      Hierzulande (ich weiss nicht, wo du lebst) kannst du in sehr unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Asylwesen, Arbeitslose, Migration, Schulen bzw. Kinder und Jugendliche, soziale Auffälligkeit, Behinderung, Sucht, Psychiatrien, aufsuchende Familienberatung, alles möglich. Unter dem Strich sind die meisten Jobs im stationären Bereich, das bedeutet Schichtarbeit, Wochenend- und Nachteinsätze. Das solltest du dir überlegen, ob das für dich in die Frage kommt oder nicht. Jobangebote gibts hierzulande eigentlich immer, die Frage ist immer, wo. Es gibt nicht nur gute Arbeitgeber. Wenn ein Betrieb ständig Stellen ausgeschrieben hat, ist das meist ein schlechtes Zeichen.

  2. Magst du deinen Beruf als Sozialpädagogin? Was mich an dem reizt sind die vielen Arbeitsmöglichkeiten…weil auch ich kann nicht ganz so lange an einem Arbeitsplatz sein und tendiere gerne dazu zu wechseln. Auch während des Studiums muss man wahrscheinlich viele Praktikas machen?

    • Ja, ich mag meinen Beruf. Für mich ist es wichtig, dass ich einen Sinn hinter dem sehe, was ich arbeite. Man lernt viele Menschen und Geschichten kennen, die man sonst kaum getroffen hätte, man erlebt viel menschliches, lustiges, rührendes, viele Fortschritte und Entwicklungen. Aber es ist halt auch ein Job, der einen sehr belasten kann, es ist nicht immer lustig. Ich möchte nicht mehr Schicht arbeiten, ich hab das 10 Jahre gemacht und es hat mich ziemlich geschlissen.
      Ich habe mein Studium berufsbegleitend gemacht, ich hab immer mindestens 60% gearbeitet.

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