Sekunden in Argentinien.

In der Fachsprache nennt man sowas (unter anderem) Flashbacks. Dass es dafür überhaupt einen Begriff gibt, dass das also quasi ein offizielles Phänomen ist, dass ich demnach überhaupt nicht die einzige Person bin, die sowas kennt, erfuhr ich erst mit 24 im Rahmen meiner Ausbildung zur Sozpäd. Es war das grosse Krisenjahr meiner 4jährigen Ausbildung, das Jahr, als ich die Therapie bei der Psychotherapeutin des Grauens (die mich unter anderem aufforderte, auf einen Schragen zu liegen und mich „abtastete“) abbrach und sämtliche Medikamente absetzte. Drei Monate dauerte es ab da, bis die Psychose einsetzte, die zweite „offizielle“ in meinem Leben. Ich war zu dem Zwitpunkt 5 Jahre psychosefrei, und ich hatte die Nase voll von Therapie, von Medikamenten und Nebenwirkungen.

Als die Psychose dann zuschlug, zeigte sich das in erster Linie in der Fachhochschule. Ich wurde „immer merkwürdiger“, wie eine Freundin mir irgendwann sagte. In den Modulen waren da gerade psychische Auffälligkeit das grosse Thema, und ich konnte damit immer weniger umgehen. „Triggern“, heisst das offenbar, wenn einem Umstände oder Begriffe übel zusetzen. Als ich schliesslich hoch psychotisch endlich eine Psychiaterin fand (ja, ich managte das selber, wie, ist mir immer noch ein Rätsel), sprudelte aus mir heraus: „Sie, das hat einen Namen! Diese merkwürdig intensiven „Einnerungen“, die mein Bewusstsein kurz flachlegen können, die mich quasi in eine vergangene Situation „zurückholen“, das kenne nicht nur ich! Das sind „Flashbacks“!!!“

Die Therapeutin sah mich verwundert an: „Oh, Sie leiden an Flashbacks? Das wusste ich ja gar nicht.“

Ich ja bis dahin auch nicht. Über Jahre hinweg hatte ich versucht, diese merkwürdigen kurzen geistigen „Abwesenheiten“ meinen Ärzten möglichst exakt zu schildern, und sie meinten stets: „Ah, negative Erinnerungen? Ja, das ist normal nach einer Psychose.“

Nach dem Debakel in Argentinien vor zwei Jahren suchen michaktuell vor allem die Erlebnisse dort heim. Ich bin dann für ein paar Sekunden quasi „weg“, ich sehe mich in der Situation dort, im Gefängnis, am Hochklettern der Fassade einer 5stöckigen Rohbaus. Sehe den geheimnisvollen alten Mann, der mich auf spanisch zugetextet und mir die Hand schüttelt, ohne dass ich ein Wort verstand und ohne zu wissen, wo ich war und warum. Die entsetzten Männer in einem Hostel, in dem ich im Wahn eine massive Holztüre versuchte einzutreten und dabei die Türe demolierte. Den verstörten Mann, in dessen Haus ich einfach eingedrungen war. Mich, wie ich in einem kleinen Raum eingeschlossen und halbnackt versuchte, durch Purzelbäume aus diesem „Labyrinth“ auszubrechen, ohne eine Ahnung zu haben, wie ich da reingekommen war.

Meine Sekunden in Argentinien sind seltener geworden. Und dennoch suchen sie mich regelmässig heim. Immer folgt Scham, immer folgt Trauer. Sich selber so zu erleben, hat etwas traumatisches.

Diese Flashbacks werden nie aufhören. Ich lebe jetzt seit 14 Jahren damit, denn ja, ich hatte das schon vor meiner ersten „offiziellen“ Psychose. Ich kann nur hoffen, eines Tages damit noch besser umgehen zu können.

3 Gedanken zu “Sekunden in Argentinien.

    • Danke, ich habe ja auch viel Übung damit, 15 Jahre, um genau zu sein. Letztlich geht es um eine möglichst hohe Lebensqualität trotz den Symptomen. Und die Flashbacks, die mildern diese. Eine Psychiaterin (ich sah viele) war völlig perplex, als sie realisierte, dass ich diese Flashbacks jeden Tag habe, und das nicht nur 1mal pro Tag. Ich kann vieles vertuschen, um normal zu wirken, da sind die Symptome aber trotzdem.

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