Psychotische Kreativität.

Ich weiss nicht, wie das bei anderen Menschen so läuft nach einer psychotischen Episode, aber bei mir löste bisher jede Psychose einen enomen Kreativitätsschub aus. Mag sein, dass das mit den Angeboten der Psychiatrie, der Ergotherapie, der Kunsttherapie, den kreativen Angeboten einer Tagesklinik etc. zu tun hat, aber ich habe, oft sogar wirklich mitten in der übelsten psychotischen Phase, das immense Bedürfnis, zu zeichnen, zu malen und zu schreiben. Es sind über die Jahre hinweg viele eigenwillige „Kunstwerke“ entstanden, gerade in meiner letzten Psychose vor zwei Jahren darunter viele Geschichten. Die meisten haben kein Ende oder nicht mal einen Mittelteil, oft sind die Formulierungen schräg und erinnern an Selbstgespräche, weil ich, als ich sie schrieb, vor allem mit meinen inneren Stimmen – in der letzten Psychose sprach ich von „Telepathie“ – kommunizierte. Oft schrieb ich in der Geschlossenen zu lauter Musik, die ich per Ohrenstöpsel auf dem Netbook hörte, das selbe Netbook übrigens, an dem ich diese Zeilen tippe. Ich erinnere mich, wie ich im Takt tippte, dabei überzeugt war, dass die Musik via mysteriöser Technik live gespielt und in meine Stöpsel übertragen wurde; Oder aber, dass mir jemand per mysteriöser Technik besonders tiefsinnige Stücke mit Songtexten, die sich allesamt auf mich bezogen, auf die Festplatte kopiert hatte.

Ich kann rückwirkend darüber lachen, dass Coldplay live extra für mich gesungen hat, oder dass ich hörte, wie Büne Hueber mitten im Lied den Text vergass. Die ganze technische Paranoia, der Glauben, dass diverse Menschen jeden Buchstaben lesen können, den ich in ein stinknormales Worddokument schrieb, die Tatsache, dass ich Wörter farbig sah und daraus irgendwelche spirituellen Botschaften entnahm, das dagegen tut mir immer noch etwas weh, wenn ich daran denke. Diese abgrundtiefe Verunsicherung, weil plötzlich nichts mehr so zu sein schien, wie ich immer geglaubt hatte. Dieses Gefühl, dass ich festgestellt hatte, dass mein ganzes Leben irgend einen spirituellen Sinn hatte und ich bisher die Zeichen falsch gedeutet hatte. Dass ich die Welt retten musste oder übernatürliche Kräfte hatte oder was auch immer. Dass meine Eltern gar nichtmeine Eltern waren, dass meine Psychose mit 19 gar keine Psychose war, dass mein Leben nur aus Tests für eine höhere Macht bestand oder was auch immer.

Man spürt die enorme Egozentrik dahinter, aber in diesen heroisch geprägten Wahnvorstellungen drin erlitt ich auch Nervenzusammenbrüche, weil alles, woran ich mal geglaubt hatte, mit einem Schlag nichtig war. Die Welt löste sich vor meinen Augen auf, bis ich weinte, heulte, schrie und tobte.

Dennoch: Ich bewahre mir den Respekt vor meinen kreativen Auswüchsen. Ich habe Bilder gemalt oder Skizzen gemacht, die für mich einen besonderen Wert haben. Einen Engel habe ich gezeichnet,mit einer Mimik und in einer Perspektive, die ich in gesundem Zustand nie hinbekommen hätte. Und ich habe Texte geschrieben, die ich hier teilen möchte. So eigen, so durchgeknallt, und doch irgendwie „schön“. Anders, halt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s